Autor Thema: PTBS in helfenden Berufen  (Gelesen 6202 mal)

Offline dino

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PTBS in helfenden Berufen
« am: 24. August 2012, 15:52:29 »
Was verstehen wir unter außergewöhnlichen Belastungen?
Wir leisten unseren Dienst als außergewöhnliche Arbeit an unserer Gesellschaft.Unser Einsatz für andere führt jedoch auch uns manchmal an die Grenzen der Belastbarkeit. Dies kann, unter Umständen, zu bleibenden Schäden führen. Denn nicht nur kranke Menschen, Unfall- oder Katastrophenopfer sind dem Risiko ausgesetzt ein PTBS zu erleiden. Auch professionelle Helfer können daran erkranken.

Durch welche Faktoren können nun professionelle Helfer besonders betroffen sein?
ein Massenanfall Erkrankter oder Verletzter
 wenn Kollegen/innen mit betroffen sind
 wenn Kinder zu den Opfern gehören
unklare Lage und/oder unklare Führungsstrukturen
 man kann seine eigenen Kompetenzen nicht einsetzen und ist zum Zuschauen verdammt (z. B. Amoklagen, Geiselnahme)
eigene Betroffenheit (Verletzung)

Normale Reaktionen", erste Anzeichen einer pathologischen Verarbeitung
In unserem Beruf sollte/muss man Stressresistent sein. Man umschreibt dies z. B. In Bewerbungen mit dem Wort belastbar. Doch was ist noch belastbar, wo fängt es an kritisch zu werden? Letztendlich kann diese Frage nur individuell beantwortet werden. Jeder von uns hat wahrscheinlich noch Bilder im Kopf von außergewöhnlichen Ereignissen die nie völlig verschwinden. Kurz nach einem Ereignis fällt es oft schwer im vollen Umfang zu verstehen was wirklich geschah. Viele Kollegen/innen sind in der ersten Zeit innerlich so aufgewühlt, dass man es ihnen ansieht. Diese Reaktionen klingen meistens nach ein paar Tagen wieder ab.

 Sollten sich Kollegen/innen
zunehmend zurück ziehen, niedergeschlagen und antriebslos erscheinen
vermehrt Kaffee oder Alkohol konsumieren
 nur noch mit Hilfsmittel schlafen können
öfter in Konflikte mit Kollegen/innen geraten
vermehrt somatisieren
Schuldgefühle entwickeln
sind dies erste Anzeichen eines sich entwickelnden PTBS.

Anzeichen einer sich manifestierenden Erkrankung können sein
anhaltende physische und psychische Anspannung (schwitzen, Tachykardie, Tremor, Übelkeit, reizbar sein, schreckhaft, kann sich nicht konzentrieren)
das Gefühl des neben sich stehen
dauerhaft keinen erholsamen Schlaf finden
den Notfall immer „wieder „erleben, Albträume, Bilder lassen sich nicht verdrängen
Erinnerungslücken bezüglich des Notfalls
die eigene Kompetenz in Frage stellen
alles umgehen, was an den Notfall erinnert
eigene Lebensfreude verlieren

Wie können wir dagegen halten?
Im Gegensatz zu Otto Normalbürger geraten wir öfters in Gefahr mit belastenden Ereignissen konfrontiert zu werden. Was können wir tun, um die Folgen belastender Ereignisse zu kompensieren?
uns so mit unseren Gefühlen akzeptieren wie wir sind, Tränen und Betroffenheit sind kein Zeichen von Schwäche
 Abstand schaffen, z. B. Sich etwas Gutes gönnen, Pausen machen nicht nur am „Limit“ arbeiten, eigene aktive Entspannung zulassen
bei der Verarbeitung „Dritte“ zulassen, entweder vertraute Menschen oder Kollegen/innen vom KIT
die Ereignisse nicht „runter schlucken“ vertraute Aktivitäten beibehalten
Keine Suchtmittel benutzen, auch wenn diese kurzfristig „Linderung“ versprechen schaffen sie auf Dauer neue Probleme.
Sich nicht scheuen auch externe professionelle Hilfe anzunehmen.

Quellen: Rettungsdienst SK Verlag, DFV
« Letzte Änderung: 24. August 2012, 21:38:00 von dino »

Offline Beate

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Re: PTBS in helfenden Berufen
« Antwort #1 am: 24. August 2012, 18:58:09 »
Das finde ich klasse, dass dieses Thema hier mal formuliert wird, halte ich für sehr sinnvoll, danke.
LG Beate

Offline IKARUS

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Re: PTBS in helfenden Berufen
« Antwort #2 am: 24. August 2012, 20:30:07 »
Hallo Dino, was Du da schreibst ist ein richtiger Ansatz und mit meiner bescheidenen Erfahrung aus der Somatik kann ich heute nur sagen, dass wir lernen müssen die Schwächen unserer Kollegen auch als Stärke zu sehen. Leider ist es meine Erfahrung, dass genau in diese "Kerben" geschlagen wird.
Ja Schwäche zeigen, kann eine Stärke sein, aber man muss sich gut überlegen wem gegenüber.

Im Unterricht gebe ich den Schüler heute mit auf den Berufsweg, dass sie die Anzeichen bemerken sollen und sich von, wie du richtig schreibst, Freunden und PROFI´s Hilfe holen sollten.

Ich habe vor wenigen Monaten wieder die Erfahrung sammeln dürfen:
Mundhalten ist besser als die Knöpfe an der Jacke öffnen. Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht meine "Helfer" habe, die mir zur Seite stehen, wenn ich Gesprächsbedarf habe.
Es ist auch richtig, wenn du schreibst, bei steigendem Konsum von Genußmitteln, kann das ein Anzeichen sein.
Wenn man trinkt oder raucht um etwas zu komensieren, ist das ein deutliches Anzeichen.
Wenn ich rauche oder mein Bierchen trinke, weil es schmeckt, kann das ein schöner Abend werden.

Was das mit der Kompensation angehet, hatte ich anfang der 90ziger Jahre meien Erfahrungen gesammelt. Meine Konsequenz war, die Karriere abzubrechen. Das hat mich, oh Wunder, nicht in den Keller abgleiten lassen. Heute habe ich die Waage gefunden zwischen Arbeit und Hobby, zwischen Anspannung und Entspannung.
Vor wenigen Tagen habe ich mal etwas gelesen: "ich liebe meine Beruf und hasse meine Job!"
Die Quelle erinnere ich spontan nicht!
Es sind die Rahmenbedingungen die uns krank machen!!
Da wird von den Managern behauptet, dass die Mitarbeiter das größte Kapital im Unternehmen sind. Nun gibt es ja auch Manager die mit Freude Kapital "verbrennen"
Ich halte es für eine Aufgabe der Manager, die Rahmenbedingungen zu verändern/verändern zu lassen, damit die Rahmenbedingungen erträglicher werden.

Ich erinnere mich gerade, während ich diese Zeilen denke, warum wollte ich als Jungexaminierter keinen Anrufbeantworter: ich wollte nach Feierabend meine Ruhe haben und nicht immer zur Stelle sein.

Ausgeglichene Grüße,IKARUS

Offline dino

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Re: PTBS in helfenden Berufen
« Antwort #3 am: 24. August 2012, 21:47:08 »
Hi Ikarus, Rahmenbedingungen sind in Deutschland unterschiedlich. Sie werden auch unterschiedlich wahrgenommen. Hat jemand Traumbedingungen, kennt aber nur diese, wird er/sie über Sachen herziehen wo andere Arbeitnehmer froh wären solche Arbeitsbedingungen zu haben. Diese Zeitgenossen interessiert auch nicht das es so etwas wie gedeckelte Budgets gibt, dass sie einen Vertrag mit einem Krankenhaus und nicht mit einer Station haben usw. Aber mit meinem Beitrag wollte ich weniger die Rahmenbedingungen, sondern vielmehr belastende Ereignisse aufgreifen die außerhalb der (Berufs-) Politik entstehen. denn letztenlich ist es unsere Aufgabe Leid zu lindern, ohne selbst an dem Leid zu Grunde zu gehen.
Viele Grüße    dino

Offline IKARUS

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Re: PTBS in helfenden Berufen
« Antwort #4 am: 25. August 2012, 06:43:30 »
Da hast Du recht Dino!
Wenn wir uns auf die Arbeit am Patienten konzentrieren, könntest du meinen, dass es mich "mitnimmt", wenn ich täglich dem Patienten weh tun muss, wenn ich seine Verbände wechseln muss. Diese Verbandwechsel müssen täglich zweimal gewechselt werden, und werden von Schmerzen begleitet. Weil das über 14 Tagen geschehen kann, ist das sicherlich ein Fakt, der dem Pflegepersonal nicht gleichgültig sein kann. Eine Narkose verbietet sich, weil dann die Leber einen gehörigen Schaden nehmen wird.
Mit dem Bewusstsein an das Bett des Kranken heranzutreten, dem Patientne gleich weh tun zu müssen, kostet schon eininge Überwindung. Neben den Schmerzäußerungen des Patienten sind die eindruckvollen Wunden auch etwas, was das Personal ertagen muss. Ich denke, dass das Personal mit der Zeit nicht abstumpft, wie ihm oft vorgeworfen wird (geade gestern Abend am Grillplatz gab es diese unsegliche Diskussion!!), sondern es wird immer sensibler. Mit dieser Sensibilität kann die betroffene Pflegekraft [noch] nicht umgehen, sowie viele Menschen in ihrer Umgebung. Die Verhaltensweisen mit dieser Herausforderung führen dazu, dass das Personal abgestumpft und teilnahmslos wirkt. Ist es aber nach meiner Beobachtung nicht.
Es bleibt die Frage: wie kann ich mitfühlen ohen mitzuleiden?? Gibt es da "allgemeine Rezepte", oder kann es nur individuelle Lösungen geben, die nur vor Ort und in persönlichen Gesprächen erarbeitet werden können?

Das mit den Rahmenbedingungen führt mich noch zu einer Überlegung: Ich war mal in einem Knappschafts Krankenhaus und habe sparen lernen müssen. Zuerst war es befremdlich und später sah ich den Sinn. Wirtschaftlich arbeiten - der Umgang mit materiellen Ressourchen - erhält auch den Arbeitplatz.

Viele Grüße, IKARUS