Autor Thema: Akute Atemnot  (Gelesen 3989 mal)

Offline dino

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Akute Atemnot
« am: 30. Juli 2012, 17:41:40 »
Bei dem folgenden Notfall habe ich mich gefragt ob und wie ich ihn schildere. Ob deshalb, weil er wahrscheinlich nicht so recht in das Weltbild eines helfenden Berufes passt. Aber dies gehört leider zur Realität. Wir alle werden immer wieder an die Grenzen unseres Handelns geführt.
Kurz nach dem Frühstück fängt es aus Richtung meines Hosengürtels wieder zu Piepen an. "Notfalleinsatz RTW, NEF, akute Atemnot." Ab in die Fahrzeughalle, Alarmdepesche vom Drucker reißen und in den RTW. Straße und Namen lassen nichts Gutes ahnen. Die Patientin ist bekannt, > 200 kg. Die Anfahrt ist kurz, nun mit dem Equipment in 3. OG. Wir finden eine ca 50-jährige Pat. vor die schwer zyanotisch ist, die Atemhilfsmuskulatur einsetzt und von weitem ist ein Giemen zu vernehmen. An den Beinen sind Ödeme zu erkennen. Erst einmal guten Tag, die bags auf und den Salbutamol Vernebler raus. Während wir der Dame unser Vorgehen erklären streife ich ihr die durchsichtige Maske über den Kopf. Gleichzeitig wird sie an die Überwachungseinheit angeschlossen. Danach wird ein iv Zugang gelegt und eine Ri Lac angehängt. Diese vermittelt uns EKG, RR, SpO² sowie den P. Während RR (>240 sys) und P (140) extrem erhöht sind ist der SpO² >80 extrem niedrig. Berotec und Budiair Aerosole auf dem Tisch deuten darauf hin das die Frau diese benutzte, was von der anwesenden Familie bestätigt wird. Wir bitten darum den etwas lauten Fernseher abzuschalten, was unwirsch entgegen genommen wird. Bei diesem Gewicht scheidet ein Transport mit unserem RTW aus, deshalb wird ein sogenannter S-RTW (S steht für Schwerlast) nachgefordert sowie ein Intensivbett klargemacht. Da die Atemnot sich noch nicht besserte machen wir 1 Amp. Adrenalin klar, danach ziehen wir schon mal eine Solo-Decortin auf. Beide werden von der gerade eintreffenden Notärztin injeziert. Adrenalin hat einen sehr schnellen Wirkeintritt, zudem auch das Salbutmol nun wirkt. Nun geschah etwas, womit wir nicht rechneten. Die Frau wollte nicht mehr mit. Alles gutes Zureden half nicht, nicht einmal das sich der Anfall wiederholen und tödlich enden könne. Die Familie scharte sich um die Patientin und machte uns gegenüber einen feindseligen Eindruck. Nach nochmaliger Aufklärung ließen wir die Frau die gäR-Erklärung unterschreiben, bestellten den S-RTW sowie das Intensiv-Bett ab, zogen den zugang, entfernten die Überwachungseinheit und gingen. Als wir die Wohnung verlassen hatten überlegte es sich die Patientin doch wieder. Also alles wieder rückgängig gemacht. Der Einsatz dauerte um die zweieinhalb Stunden. Eine schwere Adipositas begünstigt Asthma genau so wie Nikotin.
« Letzte Änderung: 30. Juli 2012, 20:35:51 von dino »

Offline dino

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Re: Akute Atemnot
« Antwort #1 am: 30. Juli 2012, 18:57:09 »
Folgendes ist noch erwähnenswert. Die Mortalitätsrate von Asthma ist in den letzten 10 Jahren um ca 1/3 gesunken. Dies liegt nicht zuletzt an den verbesserten Versorgungsstrategien sowie den Schulungen für Asthmatiker. Volkswirtschaftlich gesehen verursacht Asthma insgesamt Kosten von ca 2,6 Mrd. € jährlich. Insgesamt kann man pro Jahr von 3,6 Mio. Arbeitsunfähigkeitstagen wegen Asthma ausgehen.
« Letzte Änderung: 30. Juli 2012, 20:33:31 von dino »