Autor Thema: Wenn Pillen die Pflege ersetzen  (Gelesen 5175 mal)

Online Thomas Beßen

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Wenn Pillen die Pflege ersetzen
« am: 28. März 2012, 05:15:48 »
"Die Behandlung Demenzkranker ist arbeitsintensiv und teuer. Viele Pflegeheime setzen deshalb ihre Bewohner mit starken Psychopharmaka außer Gefecht.

Experten sprechen bei dieser Form des Ruhigstellens von "chemischer Gewalt". Es gebe kaum einen Unterschied zum Festbinden mit einem Gurt.

Herr Moser macht viel zu viel Arbeit. Das haben die Pfleger im Altenheim seinen Verwandten schon häufig gesagt. Anstatt zu schlafen, laufe er nachts über die Gänge, meist mit einem Urinfleck in der Hose. Er halte laute Monologe und wecke seine Zimmernachbarn. Tagsüber bedränge er häufiger die weiblichen Bewohnerinnen der Station, manchmal auch die Pflegerinnen, mit sexuellen Anspielungen. Herr Moser brauchte eigentlich einen Pfleger nur für sich, der rund um die Uhr für ihn da ist, ihm die Hosen wechselt, mit ihm spazieren geht.

Seit dem vergangenen Spätsommer ist etwas anders mit dem alten Mann, der in einem Heim einer großen Pflegekette lebt. Seither wechselt sein Zustand von einem Tag auf den anderen. Wie alle Betroffenen in diesem Text heißt Herr Moser in Wirklichkeit anders. "Wenn wir meinen Vater besuchen, guckt er oft nur noch durch mich durch", sagt seine Tochter. Er hänge apathisch in seinem Rollstuhl, die Arme schwer und leblos wie die einer Puppe, mit hängendem Unterkiefer. Selbst wenn man an seinen Schultern rüttle, reagiere er nicht. Als sein Enkel, selbst Altenpfleger, den Großvater zum ersten Mal in diesem Zustand sah, sagte er zu seiner Mutter: "Der Opa ist mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt." Auf die Frage, was sie ihm gegeben habe, sagte die diensthabende Pflegerin: "Der ist nur müde. Nachts schläft er ja nicht, irgendwann holt sich der Körper eben den Schlaf."

Endgültig hellhörig wurden die Verwandten, als das Heim ankündigte, für den alten Herrn Moser die höchste Pflegestufe beantragen zu wollen, Stufe 3. Schließlich könne er gar nichts mehr allein machen.

Demenzkranke Altenheimbewohner sind die idealen Opfer. Zu schwach, um sich zu wehren, zu verwirrt, um von unabhängigen Dritten ernst genommen zu werden, wenn sie sich beschweren. Die Angehörigen oft zu weit weg, zu beschäftigt, um sich für sie einzusetzen. Ein Rohstoff, aus dem sich im deutschen Pflegesystem mit illegalen Methoden Geld abschöpfen lässt. Zum Beispiel indem man demenzkranken Heimbewohnern reihenweise starke Psychopharmaka verabreicht und sie damit so ruhigstellt, dass weniger Personal für ihre Pflege gebraucht wird. Davon profitiert auch die Pharmaindustrie.

Das Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen hat für die "Welt am Sonntag" berechnet, dass in Deutschland knapp 240.000 Demenzkranke zu Unrecht mit Psychopharmaka behandelt werden. "In diesen Fällen werden die Medikamente nicht verschrieben, um die Leiden der Patienten zu mindern oder ihre Krankheiten wirksam zu behandeln, sondern um Personal einzusparen und den Heimbetreibern höhere Gewinne zu bescheren", sagt Professor Gerd Glaeske, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Wir haben hier ein flächendeckendes Problem." Von den bundesweit 1,1 Millionen Demenzpatienten würden knapp 360.000 mit Neuroleptika behandelt. Studien im Auftrag des britischen Department of Health hätten ergeben, dass in zwei von drei Fällen die Medikamente zu Unrecht verordnet wurden und sich durch eine bessere Betreuung der Betroffenen hätten vermeiden lassen. Die Zahlen ließen sich problemlos auf Deutschland übertragen. Glaeske ist ein Mann klarer Worte. Das Ruhigstellen mit Medikamenten nennt er "chemische Gewalt". Andere Wissenschaftler sprechen von "medikamentöser Fixierung": Ob man den Alten mit einem Gurt am Bett festbinde oder ihn mit Drogen dazu bringe, dass er sich nicht mehr bewege und still sei, mache keinen Unterschied. Der Bonner Professor für Psychiatrie und Gerontologie Rolf D. Hirsch, der sich intensiv mit dem Problem der Gewalt gegen alte Menschen beschäftigt, bestätigt: "Das Problem, dass es in vielen Heimen eine bundesweite Übermedikation mit Psychopharmaka gibt, kennen wir seit Jahren." ..."


Von Anette Dowideit in http://www.welt.de/print/wams/wirtschaft/article13944708/Wenn-Pillen-die-Pflege-ersetzen.html

Guten Morgen!
Thomas Beßen
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline IKARUS

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Re: Wenn Pillen die Pflege ersetzen
« Antwort #1 am: 28. März 2012, 09:01:27 »
Das Thema wird ja wieder zur Zeit von vielen Medien und Seiten beleuchtet.
Meine Kritik war und ist die selbe wie vor Monaten.
Es ist nicht mein Problem, dass darüber berichtet wird. Das kann unter Umständen dem Thema helfen.
Leider bis heute noch nicht!! Es ist die Einseitigkeit, die mich so aufregt.
Da wird das Thema darauf reduziert, dass mit der "chemischen Keule" gearbeitet wird, damit die handelnden Personen am Bett der schwerstpflegebedürftigen Menschen überhaupt zurecht kommen können. Das sehe ich jedoch anders!
Die Gabe von Medikamenten kann sinnvoll sein, aber auch gefährlich.
Wenn man die schwerstpflegebedürftigen Menschen menschlich pflegen will, dann braucht es auch mehr Personal. Oder: mehr Knete für die Fete!!
Das sprechen aber weder ReporterInnen noch PolitikerInnen deutlich aus. Die suggerieren, dass es mehr Pflege zum Nulltarif geben könnten. Oder: Pflege ist doch ein Liebesakt, eine chritliche Aufgabe, der man sich mit Selbstlosigkeit und endlosen Hingabe widmen muss. Also: PFLEGE soll arbeiten aber nicht verdienen!!
Das können Banker und Reporter doch besser !!
Wenn die pflegebedürftigen Menschen in Altenpflegeheime untergebracht werden (müssen), weil die familiären Situationen es nicht mehr zu lassen, dann muss es jedem Angehörigen auch klar sein, dass diese fachliche Begleitung Personal und Geld kostet. Aber weder die im Fernsehn noch die von der Pressen beleuchten dieses Thema umfassender.
Da steht auch, dass "der Opa" vollgepumpt wird.
Wer weis überhaupt, ob dieser alte Mann Vater ist und Opa sein könnte?? So eine Respektlosigkeit!!
Ich denke nicht, dass es Pflegekräfte und Mediziner gibt, die dem Menschen Medikamente geben "damit sie ruhiggestellt sind". Es kann auch sein, dass ein Patient Medikamente benötigt, um seinen Zustand auszuhalten. Besonders in der Psychiatrie kann es sein, dass ein erkrankter Mensch Medikamente benötigt, die sich ein "Gesunder?!" nicht vorstellen kann. Da wirken Menschen mit einer erforderlichen Medikation als ferngesteuerte Roboter. Das irritiert! Da muss man doch was sagen, auch wenn man keine fachliche Ahnung hat.
Leider können wir aus der Praktischen Pflege nicht heraus für eine Änderung sorgen, weil das Thema so nicht kommunizert werden kann, wie es sinnvoll wäre. Da versuchen auch Verantwortliche den Ball flach zuhalten, weil die Gesellschaft nicht mehr Geld für die Pflege aufbringen will/kann.
Die aktuelle Absicht vom Bundesminister für Gesundheit D. Bahr [FDP] ist doch, dass Demenzkranke besser versorgt werden sollen und er deshalb mehr Geld in die Hand nehmen möchte. Aber wo kommt das Geld her?? Da werden sich alle wehren, die zahlen sollen. Und wer bestimmt wann und in welchem Ausmaß ein Mensch pflegebedürftig ist. Wer bestimmt wann ein Mensch in die eine oder andere Pflegestufe eingruppiert wird? Der Mitarbeiter vom MDK, der Hausarzt, die Pflegekraft vom Ambulanten Pflegedienst oder doch der Angehörige und der Betroffene.
Viele Menschen möchten gern in die 3. Pflegestufe, aber mehr bezahlen für die Pflegekasse wollen sie nicht.

Wenn Menschen an ihrem Rollstuhl "gefesselt" werden (ARD, Report Mainz; 27.03.2012 nach 21.50 Uhr) dann kann es doch auch sein, dass sie nicht aus dem Rollstuhl rutschen sollen.
Wo ist das Freiheitsberaubung, wo ist das pflegerische Fürsorge?? Es ist vor allem eine Frage des Blickwinkels!!
Aus meiner Sicht ist es besser, wenn die Reporter und die Gesellschaft ihre Blickwinkel überdenken.
Aber das ist ja nur mein Standpunkt!
Es bleibt mir nur die Möglichkeit in meinem privaten und beruflichen Umfeld dafür zu sorgen, dass die Menschen weiterdenken. Wenn sie es nicht tun wollen, dann muss ich vieles aushalten!
Mir bleibt nur die Möglichkeit im konkreten Kontakt mit dem Pflegebedürftigen ein angemessenes Maß an Empathie einzubringen. Mehr ist mir nicht möglich, weil ich es nicht ändern kann.
Wir müssen auch in der PFLEGE  lernen gesellschaftliche Fehlentwicklungen auszuhalten, weil wir hierfür nicht verantwortlich sind.
Jetzt soll auch noch der arme Arbeitgeber mehr Geld für das Personal bezaheln - die Tarifverhandlungen laufen -aber woher soll das Geld kommen? Es gibt nicht mehr Geld.
Was es aber geben wird ist eine dünnere Personaldecke. Das bedeutet, dass der Zeitdruck auf die Handelnden noch größer werden wird. Also werden wir noch weniger Zeit haben für den Patienten und seinen Angehörigen.
Kollegiale Grüße, IKARUS