Autor Thema: Mangel an Kommunikation - Fatale Sprachlosigkeit bei Ärzten und Schwestern  (Gelesen 4641 mal)

Offline Thomas Beßen

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"Eigentlich ist die Situation optimal: Ärzte haben viel Wissen aus dem Lehrbuch, Schwestern viel Erfahrung – gemeinsam könnten sie ein starkes Team bilden. Doch in Wirklichkeit kommunizieren sie kaum miteinander. Schuld ist unzeitgemäßes hierarchisches Denken und die Angst vor der eigenen Blöße.

Krankenschwestern, Apotheker und Patienten sind Spezialisten auf ihrem Gebiet. Aber sie werden nicht gefragt. In der Medizin wird zu viel untersucht und zu wenig geredet. Das schönste Kapitel aus einem der besten medizinischen Lehrbücher beginnt so: „Wie man eine Magensonde legt: Krankenschwestern sind die Spezialisten und werden Sie als Arzt (der Sie möglicherweise noch nie eine Sonde gelegt haben) nur dann fragen, wenn die Schwestern selbst Probleme haben. Beginnen Sie folgendermaßen: Lassen Sie die Schwester noch einen Versuch machen. Das gibt Ihnen eine grobe Idee, wie es geht. Und es könnte außerdem sein, dass es diesmal klappt.“ So steht es, freihändig übersetzt, im „Oxford Handbuch der Klinischen Medizin“. In der aktuellen Auflage sind die Formulierungen ein wenig entschärft, im Kern aber unverändert.

Abgesehen davon, dass ein deutsches Lehrbuch niemals so pragmatisch (und so ehrlich) wäre, ist das, was die Autoren hier aufgeschrieben haben, abgrundtief realistisch. „Krankenschwestern sind die Spezialisten“ – nicht nur beim Legen einer Magensonde. Das ist schon deshalb so, weil Ärzte, zumindest während ihrer Ausbildung, regelmäßig die Fachdisziplinen und Stationen wechseln. Kaum sind sie eingearbeitet, sind sie auch schon wieder weg. Schwestern dagegen bleiben jahrelang auf einer Station.

Eigentlich eine optimale Situation: Die Einen haben viel Lehrbuchwissen, die anderen Erfahrung – gemeinsam sind sie unschlagbar. So die Theorie. Das Problem ist, man redet nicht genug miteinander. Es gibt wenige Orte, die hierarchischer strukturiert sind als deutsche Krankenhäuser, von der Uniklinik bis zum Kreiskrankenhaus. Und die meisten Studenten und Jungärzte werden sich vor einer Schwester oder einem Pfleger niemals eine Blöße geben. Und so wird konsequent behandelt, aber nicht nachgefragt. Die hierarchisch korrekte Rückfrageinstanz dagegen ist immer der Oberarzt. Aber auch bei ihm macht man sich mit zu vielen Nachfragen verdächtig. Wer wenig fragt, gilt als fachlich kompetent. Das Gegenteil ist der Fall. ..."


Quelle & mehr: Magnus Heier in http://www.welt.de/wissenschaft/medizin/article7246484/Fatale-Sprachlosigkeit-bei-Aerzten-und-Schwestern.html

Kurzgrüße!
Thomas Beßen

Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

morebauty

  • Gast
Also ich stelle, neben dem im Artikel beschriebenen Sachverhalt des vermeintlichen Gesichtsverlustes, in unserer Praxis immer mehr fest, dass die Räume für Kommunikation zwischen diesen beiden Berufsgruppen immer weniger werden.

So haben wir seit einiger Zeit gar nicht mehr die Möglichkeit einer kontinuierlichen Visitenbegleitung, auch gemeisame feste Besprechungzeiten gibt es nicht mehr.

Der Arbeitsalltag ist geprägt von Hektik, Stress und vielen zufälligen Mikrokontakten , die einen guten gegenseitigen Austausch schwer möglich machen.

Offline dino

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Man muss sich eben Freiräume schaffen, denn Kommunikation hilft eben Zeit zu sparen. Und wer sparen will, muss halt erst mal investieren. Ein perpetum mobile gibt es nicht.