Autor Thema: Gene: Lässt sich Krebs künftig abschalten?  (Gelesen 4299 mal)

Offline Thomas Beßen

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Gene: Lässt sich Krebs künftig abschalten?
« am: 16. Januar 2010, 17:18:35 »
Ich hoffe schon, wenn es wie unten bei "Biologische Schalter" angedeutet passieren könnte:

"MDS ist eine jener schrecklichen Diagnosen, die man noch nicht mal seinen ärgsten Feinden wünscht. Hinter dem Kürzel versteckt sich eine Gruppe sehr ähnlicher und fast immer tödlicher Blutkrebserkrankungen, die Myelodysplastischen Syndrome. Etwa viertausend Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an diesen Leiden.

Im Durchschnitt sind sie 70 Jahre alt. Und es sind mehrheitlich Männer. Bei dem Leiden entarten blutbildende Stammzellen des Knochenmarks. Sie erzeugen dann nur noch funktionsunfähige Blutzellen. Die Patienten werden schwach und blutarm. Besonders düster sind die Prognosen beim sogenannten Hochrisiko-MDS, das ein knappes Drittel der Betroffenen aufweist: Nur sehr wenige dieser Patienten sind so rüstig, dass sie sich auf eine potenziell heilende Transplantation der Knochenmarksstammzellen einlassen können. Die anderen entwickeln binnen kurzer Zeit einen schweren Blutkrebs, Akute Myeloische Leukämie (AML) genannt. Im Laufe der folgenden 15 Monate wird die Hälfte trotz Behandlung sterben. Nach zwei Jahren sind sogar drei Viertel tot.

Zu den großen Rätseln von MDS und AML gehört die Vielfalt dieser Krankheiten. Die Ärzte können die Untergruppen bislang kaum auseinanderhalten. Doch jetzt fanden Hämatologen um Ari Melnick aus New York ein greifbares Unterscheidungsmerkmal: Sie analysierten das Erbgut der Krebszellen von 344 AML-Patienten und entdeckten 16 verschiedene Typen. Variabel waren dabei die Stellen, an denen einzelne Gene durch sogenannte Methylgruppen, die an das Erbmolekül DNA angelagert waren, dauerhaft stumm blieben (Cancer Cell, Bd. 17, Online-Vorabdruck).

Damit gerät einmal mehr eine völlig neue Art der Krebstherapie in den Blickpunkt, auf die Onkologen derzeit sehr große Hoffnungen setzen: die epigenetische Therapie. Sie versucht, sogenannte epigenetische Veränderungen der Krebszellen rückgängig zu machen. Und die Methylgruppen, die Melnick und Kollegen ins Visier genommen haben, sind einer der allerwichtigsten dieser epigenetischen Riegel.

Nach einer Studie verbessert sich die Prognose deutlich

Wie vielversprechend der epigenetische Ansatz in der Krebstherapie ist, zeigt ein Medikament, das seit Anfang letzten Jahres in der EU zugelassen ist. Es entfernt die Methyl-Riegel vom Erbgut der Krebszellen und macht sie damit wieder ein Stück gutartiger. Nach einer Studie verbessert dieser Ansatz die Prognose deutlich: Werden Hochrisiko-MDS-Patienten mit dem Wirkstoff 5-Azacitidin behandelt, lebt die Hälfte von ihnen mindestens noch zwei Jahre. Das ist gut neun Monate länger als bei den herkömmlichen Therapien. Und es sind doppelt so viele Menschen, die dank des Mittels noch den zweiten Jahrestag der tragischen Diagnose erleben (Lancet Oncology, Bd. 10, S. 223).

Diese Resultate seien "eindrucksvoll" kommentiert im gleichen Blatt der Leukämie-Experte Guillermo Garcia-Manero vom Krebszentrum in Houston, USA: "Die Daten etablieren Azacitidin als Standardmedikament für Patienten mit Hochrisiko-MDS."

Das Mittel gibt es zwar schon lange. Es wurde früher aber in hochdosierter Form als gewöhnliches Zellgift eingesetzt. Jetzt dosieren es die Ärzte viel geringer und geben es über einen längeren Zeitraum. Denn sie haben entdeckt, dass es unter diesen Bedingungen ungleich zielgenauer und effektiver wirkt: Es verhindert, dass Enzyme während der Zellteilung neue Methylgruppen an die DNA anlagern.

Krebszellen möglichst gezielt umprogrammieren


Damit macht das epigenetische Medikament einen Vorgang rückgängig, den Forscher schon länger als wichtigen Begleiter der Krebsentstehung sehen: Die Methyl-Riegel schalten bei Krebszellen Gene stumm, die sie eigentlich vor der Bösartigkeit bewahren sollen, Tumorsuppressorgene genannt. Bei vielen Krebsarten inklusive MDS ist inzwischen bekannt, dass umso mehr "gute" Gene per Methylierung stumm geschaltet sind, je aggressiver und weiter fortgeschritten das Karzinom ist. ...
"

Der obige Artikel und das unten Folgende stammen von Peter Spork und ist in der heutigen Frankfurter Rundschau und auch hier nachzulesen: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=2209200& - Quelle 20100116 17:15

Schönes Wochenende!
Thomas Beßen


"Biologische Schalter
Die neue Wissenschaft der Epigenetik beschäftigt sich mit biochemischen Schaltvorgängen. Sie hat eine verblüffende Erkenntnis gewonnen: Nicht nur die Natur, wir selbst können solche Schalter bewegen - und damit durch unseren Lebensstil die Aktivität unserer Gene verändern und sogar die unserer Nachkommen.
Umwelteinflüsse wie Liebe, Ernährung, Stress, Psychotherapie, Sport und vieles mehr können unseren Körper und Geist entscheidend verwandeln.
Drei wichtige Schaltersysteme: Sogenannte Methylgruppen, die sich direkt an das Erbmolekül DNA anlagern und ein Gen abschalten können. Kugelige Histon-Eiweiße, um die sich der DNA-Faden mehr oder weniger fest wickelt. Je fester die DNA aufgewickelt ist, desto schlechter sind die Gene abzulesen.
Bei der sogenannten RNA-Interferenz erzeugen die Zellen selbst kleine DNA-ähnliche Moleküle, die die Übersetzung der Erbinformation in ein Eiweiß behindern und ein Gen damit blockieren.

Buchtipp: Vom Autor ist ein populärwissenschaftliches Buch erschienen. Peter Spork: Der zweite Code. Epigenetik - oder wie wir unser Erbgut steuern können. Rowohlt, 19,90 Euro."



Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.