Autor Thema: Mutter-Beziehung - Frühchen brauchen viel nackte Haut  (Gelesen 4204 mal)

Offline Thomas Beßen

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Mutter-Beziehung - Frühchen brauchen viel nackte Haut
« am: 02. Dezember 2009, 06:43:46 »
Von Birgitta vom Lehn in: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/2115239_Mutter-Beziehung-Fruehchen-brauchen-viel-nackte-Haut.html.

"Knapp 60.000 Babys kamen in Deutschland im vergangenen Jahr zu früh zur Welt, jedes fünfte davon vor Ablauf der 32. Schwangerschaftswoche. Auf Intensivstationen kämpfen die Winzlinge ums Überleben. Dank moderner Apparatemedizin gelingt es zwar immer häufiger, auch sehr junge Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm durchzubringen - allerdings mit der Folge, dass immer mehr Kinder chronische Beeinträchtigungen davon tragen und die Entwicklung der Eltern-Kind-Bindung leidet. Neben Krebs und Diabetes zählt daher vor allem die Frühgeburt zu den neuen Aufgaben der Sozialpädiatrie - einer Disziplin, die der Münchner Kinderarzt Professor Theodor Hellbrügge in den 60er Jahren an der dortigen Universität begründet hatte mit dem Ziel, körperlich und geistig behinderte Kinder optimal zu fördern.

Die Moderne hat den Kreissaal eingeholt: Mehrlingsschwangerschaften, Alkohol- und Tabakgenuss, Diabetes, Bluthochdruck oder ein sehr junges oder sehr hohes Alter der Mutter machen Experten für die seit einiger Zeit sehr hohe Frühchenrate in den Industriestaaten verantwortlich. Folglich hängen die Winzlinge an Drähten und Schläuchen, atmen in den Intensivbettchen Desinfektionsgerüche ein und entwickeln nicht selten zur Krankenschwester eine engere Beziehung als zur eigenen Mutter.

"Wir haben es hier mit zwei Hochrisikogruppen zu tun: den Kindern und ihren Eltern", erklärte Sabine Nantke, Ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums des Vivantes Klinikums in Berlin-Friedrichshain. 30 Prozent der Frühchen-Mütter entwickeln depressive Verstimmungen, auch die Väter seien oft "sehr betroffen".

Es sei daher wichtig, so Sabine Nantke, von Anfang an auch Psychologen und Psychiater im frühgeburtlichen Team zu haben, die sich speziell um die Eltern und deren Nöte kümmerten. Denn eine gute Bindungs- und Beziehungsfähigkeit sei "das wichtigste Kriterium, glücklich zu sein im Leben". Auch für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, "fürs optimale Lernen", sei die Beziehungsfähigkeit des Kindes notwendig.

Wie schwierig es aber gerade für die Eltern von Frühgeborenen ist, sich ihrem Kind feinfühlig zu nähern, führte Nantke anhand einer videogestützten Mikroanalyse vor: Viele Mütter, so war in den Einspielungen zu sehen, reagierten wenig feinfühlig. Manche scheuten geradezu den Kontakt mit dem Kind, wirkten distanziert und ängstlich.

Der Schock der Frühgeburt, die Sorge ums Überleben des intensiv behandelten Baby-Patienten sitzt tief und verhindert den intuitiven Umgang, erklärte Nantke.

"Für die Eltern ist es schwierig, Kontakt aufzubauen, denn die Kinder zeigen nur selten einen zufriedenen Wachzustand." Nantke empfiehlt reichlich Haut - "unter einer Stunde zählt nicht" - und intensiven Blickkontakt, den man am besten durch eine ausgeprägte Mimik mit geschminkten Lippen, Wangen und Augen unterstreicht: Die Babys könnten die Gesichtszüge dann besser fokussieren.

Dass professionelle Unterstützung bei der Bindungsentwicklung gerade für Frühchen-Eltern wichtig ist, beweist eine Studie, die Karl-Heinz-Brisch vorstellte. Der Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik der LMU München untersuchte in einer Stichprobe 79 Frühchen, die mit einem Geburtsgewicht von maximal 1500 Gramm zur Welt gekommen waren und deren Eltern gleich nach der Geburt psychotherapeutische Unterstützung erhalten hatten. Trotz der "durch die Intensivpflege traumatisierten Kinder" und obwohl auch ein Drittel der Mütter Anzeichen einer Traumatisierung gezeigt hätte, seien im ersten Lebensjahr 60 Prozent der Babys "sicher gebunden" gewesen und damit annähernd so viele wie bei Reifegeborenen. "Das ist eine ganz wichtige Botschaft für Eltern", unterstrich Brisch. Denn es zeige, dass Frühchen nicht zwangsläufig Beziehungsstörungen entwickeln.

Sechs Jahre später hätten allerdings 47,8 Prozent ein "vermeidendes" Bindungsverhalten gezeigt. Brisch führt das darauf zurück, dass einige Eltern in der Zwischenzeit "zwar sehr viel mit ihren Kindern geübt hatten, aber dafür nicht mehr so feinfühlig mit ihnen umgegangen waren". Der Bindungsforscher betrachtet das Ergebnis als Bestätigung dafür, dass viel Sprachtherapie und Krankengymnastik allein nicht ausreichen. "Wenn man Frühgeborene fördern will, gerade auch kognitiv, müssen sie sicher gebunden sein. Bindungssichere Kinder haben eine bessere körperliche und neurologische Entwicklung.""


Guten Morgen!
Thomas Beßen


Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.