Autor Thema: "Mit Hygiene ist viel gewonnen"  (Gelesen 4141 mal)

Offline Thomas Beßen

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"Mit Hygiene ist viel gewonnen"
« am: 12. Mai 2009, 07:03:14 »
Folgendes Interview von Michael Bergius mit Professor Detlev Ganten steht heute in der Frankfurter Rundschau:


"Herr Professor Ganten, es gibt einen Weltwirtschaftsgipfel, ein Weltwirtschaftsforum, es gab Weltklimagipfel und diverse Finanzgipfel. Warum jetzt einen Weltgesundheitsgipfel?

Es gibt für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft kein wichtigeres Thema als Gesundheit. Es gibt auch kein umfassenderes Thema. Wir sind davon überzeugt, dass für die zukünftige Wissensgesellschaft die Gesundheit das wesentliche Leitmotiv sein sollte.


Wird die globale Bedeutung des Gesundheitswesens unterschätzt?

Ja. Fast jedes Land hat zwar sein Gesundheits- und -Vorsorgesystem. Aber in vielen Ländern sind sie völlig unterentwickelt und genügen nicht den Ansprüchen. Fast alle Systeme weltweit orientieren sich am Kranken und seiner Versorgung. Nur wenige orientieren sich ausreichend an der Gesunderhaltung, an der Prävention. Ja, es gibt sogar Systeme, deren Akteure daran interessiert sind, den Krankenstand zu erhöhen, weil sie daran verdienen. Über all das muss man reden.


Gibt es gemeinsame Herausforderungen?

Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir es schaffen, bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden die Fortschritte der Medizin in gerechter Weise den Menschen zugute kommen zu lassen. Wir benötigen neue Konzepte, die nicht nur auf die hochinnovative Medizin abzielen, sondern im Vorfeld bereits auf die Prävention. Und wir müssen auf eine Selbstverantwortung hinarbeiten, die Gesunderhaltung zu einem erreichbaren Ziel macht.


Das klingt sehr schön und plausibel - aber irgendwie auch nicht passend für die Probleme gerade auf der Südhalbkugel.

Was ich sage, gilt auch für Afrika. Denken Sie nur an HIV. Ich will jetzt nicht jüngste Äußerungen des Papstes kommentieren, aber auch für Aids gibt es Möglichkeiten der Prävention. Es gibt außerdem einfach finanzierbare Methoden der Gesundheitsfürsorge, für sauberes Wasser, für Hygienestandards, für eine vernünftige, auch lokal typische Ernährung zu sorgen. Ich erinnere daran, dass es eine sehr gute Korrelation zwischen dem Bildungsstand einer Bevölkerung und ihrem Gesundheitszustand gibt.


Appelle dieser Art hat es ja immer wieder gegeben, und trotzdem werden diese Defizite weiterhin beklagt. Was kann ein Gipfel jetzt anders oder besser machen, damit diese Missstände beseitigt werden?

Was ich gerade aufgezählt habe, ist nicht komplett neu und mag banal klingen. Man muss es aber immer wieder und mit Nachdruck anmahnen. Man darf auch nicht nachlassen in seinen immer wieder neuen Anstrengungen, Bekanntes umzusetzen.


Können Sie mir ein Land nennen, wo das Gesundheitssystem in Ihrem Sinne vorbildhaft organisiert ist?

Es gibt nicht DAS Land, von dem ich sagen würde: kopiert es, und alles wird gut. Als sehr gut organisiert würde ich etwa Kanada bezeichnen: ein sehr sozial ausgerichtetes nationales Gesundheitswesen mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung.


Seit Jahren wird die Unterversorgung von Entwicklungsländern mit lebenswichtigen Medikamenten beklagt. Was kann getan werden, um Abhilfe zu schaffen?

Natürlich können solche Länder nicht teure Medikamente am Markt kaufen. Aber es gibt Modelle, dass Firmen die Produktion lebenswichtiger Arzneimittel in die jeweiligen Länder verlegen. Dadurch werden Arbeitsplätze geschaffen, und es wird eine relativ preisgünstige Versorgung mit Basismedikamenten vor Ort ermöglicht.


Gibt es genügend solcher guten Beispiele?

Nein. Man wird verschiedene dieser lobenswerten Einzelanstrengungen ausprobieren müssen; sie funktionieren ja auch von Land zu Land unterschiedlich. Dies zu bewerten ist zum Beispiel auch eine Aufgabe für unseren Gipfel.


Aber - mit Verlaub - Ihre Einflussmöglichkeiten halten sich doch in Grenzen.

Wir haben Bundesgenossen, unter anderem die sogenannte M-8-Gruppe weltweit führender akademischer Gesundheitszentren. Wir wissen aber auch sehr wichtige Partner in der Politik, internationalen Organisationen, der Gesundheitswirtschaft, Stiftungen und natürlich auch der Industrie hinter uns. Diese Koalition zu festigen ist auch ein Ziel des World Health Summit.


Ein großer Teil der medizinischen Forschung wird von Pharmaunternehmen finanziert. Liegt es vielleicht daran, dass es für Krankheiten, die vor allem in Entwicklungsländern auftreten, noch immer keinen Impfstoff gibt?

Das ist ein Grund von mehreren. Es gibt seltene Krankheiten, meist genetischer Art, die weniger als fünf- bis zehntausend Menschen betreffen und für die es weltweit keinen großen "Markt" gibt und folglich auch keine einflussreiche Lobby. Man kann aber von einer wirtschaftlich arbeitenden, auf Rendite orientierten Pharmaindustrie auch nur sehr begrenzt erwarten, dass sie selbstlos in defizitäre Entwicklungen investiert.


Kann man wirklich nicht?

Man kann und muss natürlich Verantwortungsbewusstsein erwarten; aber nicht, dass sich diese Firmen in den Ruin wirtschaften.


Zwischen dem Ruin und zweistelligen Renditen gibt es doch reichlich Luft, oder nicht?

Zweifellos. Es gibt lobenswerte Beispiele aber da ist ganz klar noch Luft nach oben, auch das wollen wir auf dem WHS diskutieren.


In Deutschland wird ja immer mal wieder von der Politik damit gedroht, der Pharmaindustrie Preisvorgaben zu machen. Müsste da mehr passieren, auch global?

Die Gewinnmargen der Pharmakonzerne sind bekannt. Und moralisch kann man sicherlich die Frage stellen, ob bestimmte Renditemargen angemessen sind. Drohungen halte ich für den falschen Weg, besser ist gesellschaftlicher, politischer Druck. Auch deshalb beteiligen wir die Industrie an unserem Gipfel.


Gibt es unterlassene Forschung?

Unser System und auch in weiten Bereichen die Pharmaindustrie leben davon, dass sie auf die Kranken ausgerichtet sind. Die Präventionsforschung wird vernachlässigt. Daneben gibt es Defizite bei der Erkundung von Infektionskrankheiten, von Diabetes, Krebs, Parkinson oder bei der schnelleren Produktion neuer Impfstoffe.


Die deutsche Pharmaindustrie jammert traditionell über die vermeintlich schlechten Standortbedingungen hier zu Lande; zurecht?

Ich nenne Beispiele: In den 80-er Jahren betrieb die Frankfurter Firma Hoechst eine Modellanlage zur gentechnischen Herstellung von Insulin. Die großtechnische Produktion wurde über zehn Jahre verzögert, ein Großteil der gentechnischen Forschung und Produktion wanderte in dieser Zeit ins Ausland ab. Heute steht in Frankfurt zwar die weltweit größte Insulin-Anlage. Aber ähnlich bekämpft wird weiterhin die grüne Gentechnik oder die embryonale Stammzellenforschung. Unsere Gesellschaft in Deutschland ist zu risikofixiert; uns fehlt es an Mut und Vertrauen auch in die Funktion der Kontrollmechanismen.


Zur Person:

Professor Detlev Ganten (Jahrgang 1941) ist Pharmakologe. Nach zahlreichen Stationen im In- und Ausland war er zwischen 2004 und 2008 Vorstandsvorsitzender der Universitätsklinik Charité in Berlin.
In seiner jetzigen Funktion als Vorstandschef der Charité-Stiftung wird er im kommenden Oktober auch Gastgeber des World Health Summit in Berlin sein. Dieser Medizingipfel unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat sich eine umfangreiche Tagesordnung gesetzt. Ärzte, Forscher, Politiker sowie Vertreter von Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen wollen unter anderem über die Herausforderung der alternden Gesellschaft, steigende Kosten der Gesundheitsversorgung, den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Gesundheit oder neue Epidemien diskutieren.
Zu diesen Themen sei es "dringend erforderlich", eine globale Diskussion in Gang zu bringen, betonen die Ausrichter. Im FR-Interview fordert Ganten eine bessere Bildung für die armen Länder, weil dadurch auch der Gesundheitszustand verbessert wird."

Guten Morgen!
Thomas Beßen


Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=1750726&em_cnt_page=1
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.