Autor Thema: Kultursensible Gesundheitsversorgung - EU-Projekt zur Pflegeausbildung  (Gelesen 9995 mal)

Offline Thomas Beßen

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"Im deutschen Gesundheitssystem werden Patienten nicht so gut versorgt, wie nach Stand von Wissenschaft und Technik möglich.  

Ein wesentlicher Grund von Unter- und Fehlversorgung sind häufig kulturelle Unterschiede und soziale Umstände, die bei der Ausbildung des Personals und der Entwicklung von Versorgungsangeboten zu wenig berücksichtigt werden. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Fachhochschule Gelsenkirchen) zur kultursensiblen Gesundheitsversorgung. Unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit, Patientenpräferenzen und Werte der verschiedenen Zielgruppen müssen bereits bei Planung der Gesundheitsversorgung einbezogen werden, um die Patienten besser zu erreichen. Ansätze hierfür bieten sich unter anderem im Rahmen der europäischen Ausbildungsinitiativen, so das IAT.

„Trotz unbestreitbarer medizinischer Fortschritte und des immensen Aufwands für die Forschung stellt sich die Frage, inwieweit diese bei den Menschen auch ausreichend ankommen“, sagt der IAT-Gesundheitsökonom Stephan von Bandemer. Wie Beispiele aus der Schlaganfallversorgung zeigen, haben von rund 200.000 Schlaganfallpatienten zwei Drittel zu hohen Blutdruck, jeweils 27 Prozent Diabetes oder Vorhofflimmern und 17 Prozent koronare Herzerkrankungen - alles bekannte Risikofaktoren, die therapiert werden könnten, aber häufig nicht erfolgreich therapiert werden.
 
Oft erschweren kulturbedingte Unterschiede der Werte und Präferenzen die Nutzung von Gesundheitsangeboten. Die wissenschaftlich-technisch definierten Angebote vernachlässigen diese sozio-kulturellen Faktoren vielfach. Besonders deutlich wird dies bei Migranten. In Deutschland haben mittlerweile rund 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Bei dieser Bevölkerungsgruppe zeigt sich im Vergleich zur übrigen Bevölkerung ein deutlich schlechterer Gesundheitszustand; etwa bei der Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit von Schulanfängern, Diabetikeranteil, deutlich geringerem Schlaganfallwissen im Vergleich zur deutschen Bevölkerung oder der geringeren Beteiligung an Rehabilitationsmaßnahmen. Sie nehmen seltener an Geburtsvorbereitungen teil, erkennen gesundheitliche Risiken weniger, bewerten die Bedeutung von Bewegung und Ernährung unterschiedlich. „Um mehr Menschen in der  Gesundheitsversorgung zu erreichen, wäre es notwendig, die Angebote - übrigens auch für deutschsprachige Patienten - systematisch auf die sozio-kulturellen Bedürfnisse auszurichten,“ rät von Bandemer.

Die Umsetzung in entsprechende Qualifizierungskonzepte für das Gesundheits- und Pflegepersonal wird derzeit im Rahmen eines EU-Projektes auf Basis des European Vocational and Educational Training Systems analysiert (ECVET). Mit Partnern aus der Bundesrepublik, der Türkei, Rumänien und Polen untersucht das Institut Arbeit und Technik dafür die Pflegeausbildung in den vier Ländern. Wie erste Ergebnisse zeigen, führt die Integration der „Andersartigkeit“ in den Pflegeprozess zu einer Reduzierung von Konflikten, Reibungsverlusten und zur Verbesserung der Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit und trägt damit auch zu einer Verbesserung der betriebswirtschaftlichen Ergebnisse bei." [Betonung durch den Säzzer]

Ein Thema welches nicht nur zum Themenbereich 5 ("Pflegehandeln personenbezogen ausrichten") passt.
Grüße aus der Ferne oder Nähe - je nach Standort...
Thomas Beßen


Quelle: Bibliomed bzw. http://www.iat.eu/index.php?article_id=526&clang=0


 

« Letzte Änderung: 12. März 2014, 19:30:09 von Thomas Beßen »
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline JoTho

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Psychisch kranke Migranten: Interkulturelle Kompetenz immer wichtiger
Migration macht auch vor den Toren psychiatrischer Kliniken nicht Halt. Zunehmend werden deren Mitarbeiter mit Krankheitsvorstellungen aus anderen Kulturkreisen konfrontiert, die von den westeuropäischen abweichen. Sie stehen vor Verständigungsproblemen, erleben sprachliche und kulturelle Missverständnisse und müssen umgehen mit unermesslichem Leid bei Opfern politischer Verfolgung, die gefoltert oder vergewaltigt wurden. Der Arbeitskreis „Ausländische Patienten in den Rheinischen Kliniken Düren“ stellte fest, dass bei der psychiatrischen Behandlung von Migranten immer wieder Fragen aufkamen. Aus diesem Grund luden die Rheinischen Kliniken und die Diakonie Jülich zu einem Informationstag ein.
Migranten seien seltener in psychiatrischer Behandlung, als ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten lasse, berichtete Dr. med. Friedrich Leidinger, Landschaftsverband Rheinland. Dagegen würden sie deutlich häufiger per Zwangsmaßnahme eingewiesen. Nur wenige chronisch psychisch kranke Migranten würden in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen betreut. „Hier besteht eindeutig Unterversorgung“, beklagt Leidinger.
Angehörige der islamischen Kultur müssen in Deuschland meist einen „Spagat zwischen ihren Traditionen und der westlichen Lebensweise“ vollbringen, sagte Dipl.- Psych. Ali Kemal Gün, Köln. Migranten seien hier generell vielen Stressoren ausgesetzt, zum Beispiel durch den Verlust der Bezugspersonen im Herkunftsland und enttäuschte Erwartungen. Ganz wichtig sei deshalb eine biografische Anamnese, um den Migrationskontext zu erfahren. Ebenso entscheidend sei die soziale Situation und der Aufenthaltsstatus in Deutschland. Voraussetzung für eine Erfolg versprechende Behandlung sei, das Krankheitskonzept des Patienten und seiner Familie zu kennen. So gingen Muslime davon aus, dass Krankheit nicht im Körper entstehe, sondern von außen, zum Beispiel durch Dämonen, eindringe. Der Gesundheitszustand hänge vom Willen Allahs ab, glauben sie. Krankheit werde daher als strafende Gerechtigkeit empfunden.
Deutsche Psychiater und Psychotherapeuten müssten wissen, dass Muslime mit sehr hohen Erwartungen zur Behandlung kämen. Denn sie seien meist die letzte Station auf der Suche nach Hilfe. Zuvor hätten sie traditionelle Heiler besucht, die mittels „positiver Magie oder Zauberei“ den Patienten von „Dämonen und Besessenheit“ zu befreien suchten. Gün hatte oft Patienten, die viel Geld für solche Heiler ausgegeben haben. Die Patienten erwarteten dann „Heilung durch bloßes Handauflegen“, wohingegen deutsche Psychiater die konkrete Beschreibung der Symptome erwarten. Wenn ein Türke, der psychische Krankheit ganzheitlich erlebe, dann einfach sagt „ich bin krank“, ist das Dilemma programmiert. Ist der Arzt auf einen Dolmetscher zur Verständigung angewiesen, wird es noch schwieriger. Ali Kemal Gün hält nichts von wörtlichen Übersetzungen. Dabei kämen oft Sätze raus, wie: „Ich habe meinen Kopf erkältet.“ Die sinngemäße Übersetzung wäre: „Ich bin verrückt geworden.“
Familie des Patienten in die Behandlung integrieren
Um Migranten angemessen behandeln zu können, ist kulturelle Sensibilität erforderlich. Gün fordert daher, transkulturelle Medizin beziehungsweise Psychologie verstärkt in Aus-, Weiter- und Fortbildung einzubinden. Die Familie des Patienten müsse unbedingt als Subsystem in die Behandlung integriert werden. Notwendig wären auch mehr Muttersprachler in der Versorgung. Allerdings: „Interkulturelle Ansätze müssen von oben gewollt und von unten getragen werden.“
Ebenso wichtig wie erlernbare interkulturelle Kompetenz ist für den auf Traumabehandlung spezialisierten Psychiater Peter Liebermann, Stiftung Tannenhof, Remscheid, die therapeutische Haltung, „Respekt gegenüber kulturellen Besonderheiten zu haben, auch wenn sie schwer nachvollziehbar sind“. Um Missverständnisse zu vermeiden, müsse der Therapeut den Patienten zunächst immer zu seinem Konzept von Freude, Trauer und Scham befragen. Auch die Auswahl des Dolmetschers setze Kenntnis der Kultur voraus: So sei es beispielsweise bei Patienten aus Asien nicht sinnvoll, einen Dolmetscher des jeweils anderen Geschlechts einzusetzen. Aus Scham würden Asiaten dann sexuellen Missbrauch gar nicht erst ansprechen.
Bei Abschiebung droht Retraumatisierung
Ein unsicherer Aufenthaltsstatus belastet die psychische Gesundheit von Migranten zusätzlich. Trotzdem würden immer wieder zeitlich begrenzte Aufenthaltsduldungen ausgesprochen, kritisiert die Rechtsanwältin Kerstin Müller, Köln. In vielen Asylverfahren stellte sie fest, wie schwierig es gerade für psychisch kranke Flüchtlinge ist, ihr Abschiebungshindernis in den Anhörungen vor Gericht, wo vieles vom Auftreten des Antragstellers abhängt, glaubhaft zu machen. Hier könnten psychologische Gutachter vor Gericht helfen, sagt sie. „Unsensibles Verhalten der Richter kann die Symptome von psychotraumatisierten Flüchtlingen verstärken“, betont Liebermann.
Müller konnte feststellen, dass die Anforderungen an die psychologische und medizinische Begutachtung traumatisierter Flüchtlinge immer höher werden. Atteste würden immer öfter abgelehnt, mit der Begründung, dass die Diagnose nicht ausreichend dargelegt worden sei. Zudem müssten die Flüchtlinge die Gutachten selbst finanzieren. Rund 800 Euro kostet ein solches Gutachten, schätzt Liebermann.
All dies dient dazu, Bewerber um politisches Asyl abzuschrecken. Das gleiche Ziel haben die immer wieder angeprangerten so genannten Gefälligkeitsgutachten für Ausländerbehörden. Bedacht werden sollte, dass den psychisch kranken Flüchtlingen bei einer Abschiebung nicht nur die Retraumatisierung droht, sondern sie wieder dem inhumanen System ausgeliefert werden, aus dem sie geflohen sind.
Sehr wichtig ist noch anzumerken, die kulturelle Gegebenheiten der verschiedenen Religionen zum Thema Tod und Sterben und deren Rituale.
„Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun,
sondern auch für das, was wir nicht tun“.