Autor Thema: Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP  (Gelesen 7731 mal)

Offline Thomas Beßen

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Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP
« am: 14. November 2022, 09:03:43 »
Konflikte bis hin zu Gewalt kommen überall vor – auch in der Pflege. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) bietet hier fundiertes Wissen und Tipps zur Gewaltprävention. …

>>> https://www.pflege-gewalt.de/

Guten Morgen!
Thomas Beßen


« Letzte Änderung: 05. Dezember 2022, 16:02:06 von Thomas Beßen »
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline IKARUS

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Pflege Ein Angebot des ZQP
« Antwort #1 am: 14. November 2022, 09:49:59 »
Beim Anschauen des Videos kam mir der Gedanke, dass es vor allem an ZEIT fehlt, die man für eine menschenwürdige und gewaltfreie PFLEGE braucht.
Zeit ist eine Ressource, die Heute wegrationalisiert wurde. Das auf vor dem Hintergrund, dass Vieles billiger werde muss.
Ob in der Familie oder in der Professionellen Pflege ist Zeit/Personal von Nöten. Wenn das die Gesellschaft nicht bezahlen/vorhalten will, sollte sie sich nicht (mehr) beschweren.
Wer nimmt denn diese Informationen eigentlich zur Kenntnis und wer ist an einer wahren Lösung interessiert. Lösungen können aufgezeigt werden, aber (finanzieren- bezahlen) lösen muss es die Gesellschaft (wollen!). 
Ansonsten bleiben pflegende Angehörige und beruflich Pflegende alleine mit den sie überfordernden Situationen.
Wenn ich menschengerecht einem Betagten das Essen reichen möchte/muss, weil sie/er keine Hunger verspürt, kann dass aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet/bewertet werden. Und hier ist das Dilemma!!
Reiche ich das Essen an, obwohl der alte Mensch deutlich sagt, dass sie/er keinen Hunger habe, kann ich wegen grenzüberschreitender Pflege (der Bewohner hat deutlich seinen Standpunkt/seine Grenzen (nein - ich will jetzt nicht essen) klar artikuliert,  belangt werden.
Aktuell macht eine PDL Druck auf das Stationspersonal, weil eine ältere Dame wegen Dehydratation aus dem Altenheim in die Klinik musste.

Was sollen die wenigen Mitarbeiter eigentlich tun, wenn die Personaldecke immer mehr ausgedünnt wird?  Es wird ihnen dann vorgeworfen, dass sie können keine Prioritäten setzen.
Informationen über das Verhindern von Pflege-Problemen sind sehr wichtig, aber Tipps sollten sich auch an den aktuellen Realitäten orientieren und sie im Fokus haben.
Beste Grüße, Michael Günnewig

Offline norbert1507

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Pflege Ein Angebot des ZQP
« Antwort #2 am: 04. Dezember 2022, 16:49:06 »
Hallo Michael und Dino,
es ist immer wieder Genuss und eine Freude, eure Kommentare zu lesen.
Für mich als reinen Theoretiker, der aber auch solch komplexe Themen wie Sterbehilfe und Wirksamkeit von Patientenverfügungen etc. behandeln muss außerordentlich interessant.
Ich winde mich bei konkreten Fragen, wie z.B. Beachtung der Verweigerung zu trinken bei freiem, selbstbestimmten Willen (also nicht unter Betreuung oder "Vorsorgevollmacht" fallend) aus der Verantwortung und sage, dass das Einzelfallentscheidungen seien und ich mich überfragt fühle.
Für euch als Praktiker, die vor dem konkreten Fall stehen sicher im Einzelfall oft extrem schwierig.
Also, vielen Dank für die ausserordentlich guten Praxistipps.
Nur schade, dass eure Statements nicht einem noch größerem Personenkreis zur Kenntnis gelangen, insbesondere was eurem Einsatz für eine dringend notwendige Weiterentwicklung der Pflegeberufe anbelangt.

Offline IKARUS

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Pflege Ein Angebot des ZQP
« Antwort #3 am: 05. Dezember 2022, 11:36:06 »
Hallo Norbert, das mit dem freien Willen ist ja so ne Sache für sich.
Einerseits haben wir eine Garantenpflicht, die besagt, dass wir Schaden vom Patienten/Bewohner/Kunden abwenden müssen.
Dem entgegen steht der freie Wille des Patienten/Bewohner, der seinen klar und verständlich äußert.
Dann kommen aber nun die Kinder des alten Menschen auf dem Plan und gehen zur Leitung, um sich zu beschweren, dass "Mutter" nicht genug trinkt, etc. Juristisch hat "Mutter" aber keinen offiziellen Vormund, der was zu sagen hätte. Das Recht nehmen sich die Kinder heraus, obwohl sie es nicht haben.
Ich bin dafür, dass ein Mensch seinen freien Willen äußern darf und es Menschen geben sollte, die ihm helfen, den Wunsch umzusetzen.
Wir benötigen aber Kommissionen, die darüber wachen, dass mit dem freien Willen kein Missbrauch betrieben wird. Manche Willensäußerungen sind spontan und emotional getragen, so dass sie anders bewertet werden sollten, als die Gedanken, die auf einer fundamentierte Grundlage entschieden wurden.
Die Leitung der Einrichtung (hier Altenheim und gerade wirklich erlebt) hat den Standpunkt der Tochter geteilt und der Fachpflegekraft ein vernachlässigendes Verhalten vor der Tochter vorgehalten. Es handelt sich halt um Kunden - die Königinnen sind.
Verstehen kann ich das nicht. Da erwarte ich mir vom Management, dass sie sich vor ihr Personal stellen und wem auch immer klar machen, das sie DRITTE PERSON sind und kein Mitspracherecht haben.
Aber auf so ein Verhalten "ich stelle mich vor sie!" denn hinter mir kann ich keinen gebrauchen - der sieht nur zu, wie ich abstürze   kann man heute nicht erwarten.
Beste Grüße aus Essen, Michael

Offline norbert1507

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP
« Antwort #4 am: 08. Dezember 2022, 10:44:05 »
Guten Morgen Michael,
Danke für dein umfangreiches, überzeugendes Statement.
Werde ich im Unterricht verwenden.
Bei der Patientenverfügung hatte das Parlament m.E. ein Highlight-Gesetz beschlossen.
Sterbehilfe aber typisch deutsch übervorsichtig und überbürokratisiert. :evil:
Das BVG hat dem Bundestag ja zum wiederholten Mal heftige Watschen verabreicht.
Eigentlich so deutlich noch nie von einem Juristen solch klare, eindeutige, verständliche Aussagen gehört.
Der individuelle Willen des Einzelnen ist absolut vorrangig!!!
Jetzt befürchte ich durch einflussreiche Lobbygruppen eine Verwässerung der Vorgaben und eine enorme Bürokratisierung und damit Verkomplizierung und letztlich für den Praktiker große Rechtsunsicherheit.
Ich habe im Verwandten- und Freundeskreis das Tabuthema schon öfter angesprochen und darauf hingewirkt, dass zumindest meine Familie eine Patientenverfügung mit Vorsorgevollmacht nach dem Muster aus Pflegesoft erstellt hat.
Unsere Hausärztin kennt die Wertvorstellungen meiner Familie und dort auch eine Patientenverfügung deponiert.
HG nach Essen
Norbert

Offline IKARUS

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP
« Antwort #5 am: 08. Dezember 2022, 11:44:27 »
Ja Norbert, das schreibst Du was Richtiges.
Im Umfeld meines Privatlebens ist das nicht anders. Die wollen von dem was uns wichtig ist, nichts - aber auch granichts - hören. Wenn sie aber betroffen sind, dann soll ich zaubern, dann soll alles funktionieren und es soll immer eine Hand da sein, die sie begleiten soll. Das klappt aber so nicht. 
Gerichte mögen zwar entscheiden, aber sie setzen Gesetze nicht um und durch. Dafür sind dann andere Akteure zuständig.
Wenn ein Betroffener seine Rechte (§) durchsetzen will, muss er sich dafür einsetzen.
Die Politiker handeln nur unter Druck, der von der Gesellschaft zu wenig kommt, weshalb sich kaum was ändern wird.
Ich bin dafür, dass wir den Angehörigen Auskunft über die erwachsenen Kinder(ab dem 18. Lebensjahr) oder den Zustand der pflegebedürftigen Eltern (die Kinder haben keine natürlichen Rechte, wie sie oft glauben!) erteilen, obwohl wir widerrechtlich handeln. Wir verletzen §203 StGB!!
Hier wünsche ich mir immer mehr Rückendeckung von Vorgesetzten bezogen auf die jungen Pflegekräfte am Kranken-/Seniorenbett/-sessel. Da könne wir aber lange drauf warten!!
Die Kollegin in dem Altenheim hat nach einer Beschwerde einer Tochter einer Bewohnerin von ihren Vorgesetzten zu hören bekommen, dass sie schlecht pflege, weil sich die Tochter darüber beschwert habe, dass Mutter in die Klinik verlegt werden musste, weil sie dehydriert sei. Sie solle bedenken, wer ihr den Lohn am Monatsende zahle, war die verbale Eskalationsstufe des Heimleiters.
Wir haben eine wunderschönen Beruf, aber die Rahmenbedingungen richten ihn Grunde. Das ist gesellschaftlich (wenn auch nicht von ALLEN!) gewollt.
Sparen, sparen, sparen lautet das Motto.
Viele Menschen leiden an einem ausgeprägten Utopieüberschuss!! Den ich nicht mehr kompensieren werde.
Wenn meine Geschwister zum Beispiel keine Vorsorge betreiben werden, überlasse ich Weiteres ihnen. Da kann ich mich heute von distanzieren.
Wenn die sich lieber einen schicken Flitzer kaufen, statt in ihre Zukunft zu investieren, dann sollte ich das respektieren aber nicht kompensieren.

Du sprichst noch die Bürokratisierung an. Hierzu habe ich den Standpunkt, dass es ohne eine Dokumentation nicht geht. Vgl. die Rechnung nach einer Autoreparatur. Die PFLEGE muss dafür sorgen, dass exzellent und umfassend dokumentiert wird. Das kann eine andere Berufsgruppe für sie übernehmen.
Wie will PFLEGE ihre Leistung nachweisen, damit sie sie abrechnen kann und ggf. aus den dokumentierten Daten Pflegewissenschaft betreiben.
HG nach Köppern,
Michael

Offline norbert1507

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP
« Antwort #6 am: 11. Dezember 2022, 14:33:17 »
Lieber Michael,
Danke für die große Mühe, die du dir immer wieder machst.
Grosses Kompliment und durch Pflegesoft werden deine fachkundigen Beiträge sicher einem recht großen Leserkreis zur Kenntnis kommen und auch vielleicht ein wenig zum Nachdenken anregen.

Die beschriebenen und immer offenkundiger werdenden strukturellen Probleme in der Pflege müssen dringend politisch angegangen und gelöst werden.
Vielleicht bringt die Abkehr von den Fallgruppen ja doch was.
Aber im Bereich der Altenpflege stösst das System der "Teilkaskoversicherung" offensichtlich an seine Grenzen.

Bezüglich Dokumentationsaufwand beziehe ich als Laie meine Kenntnisse insbesondere aus den oft guten Beiträgen der 3. Programme oder ARTE oder 3 SAT sowie aus der FAZ, der ZEIT und dem Ärzteblatt.
Demnach geht leider ein ganz erheblicher Teil der täglichen Arbeitszeit durch den immensen Dokumentationsaufwand verloren.
Sicherlich könnte hier die Digitalisierung helfen. Deutschland befindet sich auf diesem Gebiet bedauerlicherweise am hinteren Ende der "Schlange".

Ich wünsche dir eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute
HG
Norbert

Offline IKARUS

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Re: Gewaltprävention in der Pflege - Ein Angebot des ZQP
« Antwort #7 am: 13. Dezember 2022, 10:13:50 »
Sicherlich Norbert geht ein großer Teil unserer täglichen Arbeit für (notwendige) Dokumentation drauf. Keine Frage!!
Aber wer könnte das ändern, wenn nicht WIR?
Schauen wir doch in andere Gewerke, wie die dokumentieren und es in ihre Arbeitszeit integrieren.
Keiner - aber auch keiner - könnte die Dokumentation auf das erforderliche Maß besser reduzieren als WIR.
Wozu haben wir eigentlich PFLEGHEWISSENSCHAFTTLER und Pflegeverbände, wenn die sich nicht professionell diesem Thema zuwenden würden?
Das kann keine Pflegefachkraft leisten, die am Patientenbett ihren Dienst absolviert.
Ich erinnere es noch sehr gut, dass "meine" damalige PDL eine eigene Dokumentation erstellen (lassen) wollte. Die Arbeitsgruppe tagte über Monate und band unzählige Arbeitsstunden. Herausgekommen ist wenig! Aus dem Kreis der Arbeitsgruppe kam immer wieder der Vorschlag, man möge doch auf bereits bewährte zurückgreifen, was die PDL ablehnte.
Wenn ich auf das Fachwissen von anderen zurückgreifen und es kenntlich mache, würdige ich die Leistung der Fachkollegen, die das "Rad" bereits erfunden und erfolgreich getestet haben. Diese Zeitverschwendung grenzt für mich an Profilneurose!
Es ist aus meiner Sicht das Problem, dass das Pflegepersonal die Dokumentation als Strafe und Zeitvergeudung betrachtet, statt als Arbeitsinstrument zum Nachweis von mehreren wichtigen Aspekten. Hier sind die Schulen/Ausbilder und die Praktiker gefragt, die die bisherige Einstellung ändern könnten.
Wenn wir uns professionalisieren wollen, gehört die Doku in unseren Werkzeugkasten!!
Was die Fallgruppen/Fallpauschalen anbetrifft, denke ich, dass das System eines von mehreren sein sollte.
Was die Kosten anbetrifft, sollte sich die Gesellschaft/Verwaltung fragen, was ihnen was Wert ist.
Betrachten wir mal die Kliniken/Altenheime in ihrer früheren in aktuellen Ausstattung. Übertragen wir das mal auf unser liebstes "Kind".
Wie waren die Autos früher ausgestattet und was haben die vor Jahrzehnten gekostet?
Wie sind die Autos heute ausgestattet und was kosten sie heute.
Gesundheit und PFLEGE soll billig sein. Aber billige PFLEGE will kein Betroffener haben. Das lässt sich aber nur realisieren wenn die Gesellschaft sich mit den Betroffenen solidarisiert.
Es ist aber aus meinem Blickwinkel so, dass ein Bonus personalisiert und ein Malus sozialisiert wird. Das will aber kaum einer so wahrhaben!!
Wer im Altenheim/Krankenhaus am Krankenbett/Seniorensesseln WLAN haben will, sollte das unabhängig vom Tagespflegesatz selber bezahlen.
Warum muss man das auf alle Kunden der Gesundheitsindustrie abwälzen??
Ich muss doch auch nicht den neuen FORD FOCUS meines Nachbarn mitfinanzieren, wenn er sich für dieses Auto im RS-Modus entschieden hat.
Wenn der Nachbar bereit wäre, in die Soziaalsystem 0,5% mehr einzubezahlen, könnte ich ja mitgehen.
Das wird aber nicht passieren!
So ist zumindest meine Wahrnehmung.
Beste Grüße aus Essen, Michael