Autor Thema: Was das Pflege-Urteil bedeutet - 24-Stunden-Pflege vor dem Aus?  (Gelesen 3677 mal)

Online Thomas Beßen

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"Das System der 24-Stunden-Pflege alter Menschen funktioniert vor allem mit Hilfe schlecht bezahlter ausländischer Pflegekräfte. Ein Grundsatzurteil setzt dieser Praxis nun Grenzen. Welche Folgen hat die Entscheidung? Ein Überblick. ..."

>>> https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/pflegekraefte-mindestlohn-101.html

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Beßen
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline ChrisWeb

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Re: Was das Pflege-Urteil bedeutet - 24-Stunden-Pflege vor dem Aus?
« Antwort #1 am: 26. Juni 2021, 07:43:12 »
Als ich das in den Nachrichten erfahren habe, hatte ich etwas gemischte Gefühle.
Einerseits arbeiten diese Menschen in Deutschland,  haben also Arbeitsbedingungen vorzufinden, wie es das deutsche Arbeitsgesetz vorsieht. Auf der anderen Seite: Vorher sind auch anscheinend genügend Menschen aus dem Ausland gekommen. Selbst die schlechten/ schlechten Arbeitsbedingungen schienen besser zu sein, als jene, die sie in ihrem Ursprungsland vorfinden.

Rufbereitschaften müssen bezahlt werden- dann fängt neben dem Kostenaspekt nun auch noch ein (größerer) Dokumentationsaufwand an...

Ausländische Pflegekräfte haben vermutlich auch in den Wohnungen/ Häusern ihrer Arbeitgeber mitgewohnt- wie wurde das berechnet, oder wird in Zukunft "die Miete" einfach höher berechnet?

Entspricht die Ausbildung und das Sprachniveau immer dem Stand einer "deutschen" Pflegekraft oder waren /
sind "Qualitätsunterschiede" vorhanden (z.B. Differenz zwischen Pflegefachkraft und Pflegehilfskraft) und wer entscheidet, wie groß die Unterschiede sind bzw. sein dürfen (haben/ hatten alle ausländischen Pflegekräfte (bzw. die Agenturen) vorher beim RP Anträge gestellt?

Und zu guter Letzt:
Braucht man wirklich so viele 24h Pflegekräfte?
Wird die Nachfrage nach ausländischen Pflegekräften vielleicht weniger (nach dem Urteil) oder ändert sich nichts?

« Letzte Änderung: 26. Juni 2021, 07:50:45 von ChrisWeb »
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Offline IKARUS

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Re: Was das Pflege-Urteil bedeutet - 24-Stunden-Pflege vor dem Aus?
« Antwort #2 am: 26. Juni 2021, 11:17:51 »
Hey Chris, du schreibst, dass das Sprachniveau geringer sein könnte/ist. Darum geht es aber so manchem Pflegeempfänger und seinen Angehörigen selten. Sie wollen billige Pflege/Betreuung haben. Es darf nichts kosten, damit man (die Angehörigen) sich noch Hobbys leisten kann. 
Und Rufbereitschaft wird auch von deutschen Arbeitgebern nicht immer adäquat vergütet. Da drücken auch die Pflegemanager die Kosten auf Kosten ihrer Mitarbeiter. Also kein Problem der Ambulanten/häuslichen Pflege.
Ginge es den Pflegeempfänger/den Angehörigen/der Gesellschaft um qualifizierte Pflege und Betreuung, könnte sich was ändern. Das wird es aber nicht, weil alles billig sein muss, so lange man nicht selber betroffen ist.
Ist man betroffen, soll alles optimal vorrätig sein. Aber so funktioniert das aber nicht!
Wir sollten als professionell Pflegende von der klageführenden Fachkraft etwas lernen!!! Nämlich für die berechtigte Entlohnung einzutreten/zu kämpfen.
Denn die Gesellschaft schenkt uns ja auch nichts außer Klatschen vom Balkon. Und das ist auch leiser geworden!!! 
Wurden die ausländischen Kräfte als Betreuungskräfte angeworben, wäre der RP wahrscheinlich nicht zuständig. Was nach Aufnahme der Tätigkeit dann wirklich als Aufgaben definiert wird, wird wohl von keinem überprüft. Da könnte auch keine Berufsorganisation was machen. Das ist dann wahrscheinlich Vertragsfreiheit.
Und wenn Herr Spahn sagt: "man hätte Lösungen im Petto"  dann ist es ja auch so, wie er sagt: " wir haben noch keine politischen Mitstreiter, das Thema abzuarbeiten." Es gibt Politiker und Gesellschaftsschichten, denen ist das Thema PFLEGE von zweiter Wichtigkeit. So ist es!
Wir sollten lernen wie Dienstleister zu denken und nicht immer wieder Vieles kompensieren zu wollen, was der Gesellschaft am Po (Glutaeus maximus) vorbeigeht.
Grüße aus dem Ruhgebiet, Michael

Offline ChrisWeb

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Re: Was das Pflege-Urteil bedeutet - 24-Stunden-Pflege vor dem Aus?
« Antwort #3 am: 26. Juni 2021, 14:49:56 »
Wahrscheinlich hast du Recht mit deiner Aussage, dass Pflege billig sein soll (, solange man nicht selbst betroffen ist).

Wenn der Arbeitsvertrag zu schwammig formuliert ist könnte es mit dem Mindestlohn (Pflege ist ja etwas höher, wie der generelle) und Versicherung Probleme geben, das ist aber ein anderes Thema.

Das viele Patienten falsche Vorstellungen haben, weiß ich aus eigener Erfahrung aus dem Krankenhaus.

Beispiel 1: Patientin wurde drauf hingewiesen, dass Arzt gleich kommt und Blut abnimmt. Aussage Pat.: Ich gehe erst mal eine Rauchen und der Arzt kann ja später noch mal kommen, wenn ich noch nicht zurück sein sollte.

Beispiel 2:
Pat. beschwert sich längere Zeit lautstark (auch auf dem Flur), weil wir spezielle Augentropfen nicht bei und standardmäßig im Schrank haben. Wir haben dem Pat. mehrmals erklärt, dass wir keine Augenheilkunde im Haus haben und wir auch nicht sind. Dann hat er sich beschwert,  dass wir es nicht geschafft haben diese speziellen Augentropfen an einem Samstag zu besorgen (ich hatte mit der KH-Apotheke telefoniert und die hatten es auch nicht mehr auf Lager, mussten es also selber erst besorgen). (Ich hatte am Samstag Dienst, Freitag davor frei; es waren Augentropfen, die er von zu Hause mitgebracht hat. Diese sind Freitags leer geworden). Am Montag waren diese dann in der Apothekenlieferung drin.

Patienten sind vielleicht einfach zu verwöhnt und sind darauf  eingestellt, dass wir "alles Manager" sind.

Da Pflege auch nicht explizit auf Rechnungen drauf steht, ist es vielleicht auch für viele eine "kostenlose"  Berufsgruppe.
« Letzte Änderung: 26. Juni 2021, 14:52:43 von ChrisWeb »
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Offline IKARUS

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Re: Was das Pflege-Urteil bedeutet - 24-Stunden-Pflege vor dem Aus?
« Antwort #4 am: 26. Juni 2021, 17:54:29 »
Chris ich denke, dass wir alle Gesundheitsberufler diese Entwicklung mit befeuert haben und dem Patienten keine Grenzen aufgezeigt haben. Wir machen Versprechungen, die wir irgendwann nicht (mehr) erfüllen können.  Wir müssen die Betroffenen mehr in die Mitverantwortung bringen, damit wir auch noch Luft zum Atmen haben.
Was Du an Beispielen anführst, könnte ich mit eigenen Beispielen erweitern. Alleine schon "das Einfliegen des Vaters mit seinem verletzten Sohn am frühen Samstagabend, nach der Sportreportage". Zuerst kommt der Fußball und das das eigene verletzte Kind. Und wenn das nicht schnell genug geht, weil ja auch noch andere Väter diese pfiffige Idee hatten, sind die "Weißkittel" an allem Schuld.
Ich bin dafür dem Notfall Vieles einzuräumen, aber dem Elektivfall sollte man anders begegnen, denn wir haben das betriebswirtschaftliche Denken nicht forciert. Die Gesellschaft will das ALLES billiger wird. Warum wollen wir (Pflegende) für ALLE das Bestmögliche? Das ist doch selbst in der Medizin nicht so!!
Die Gesellschaft sollte die PFLEGE bekommen, die sie (finanzieren) will und nicht die die wir (beruflich Pflegende) leisten könnten.

Es sind ja auch so manche Pflegemanager, die Hilfskräfte bewusst einsetzen. Ich bin mir wohl bewusst, dass so mancher Pflegehelfer wertvoller ist als einer mit einer dreijährigen Ausbildung.
Auch hier meine Erfahrung, dass ein engagierter Mitarbeiter (mit zwei Berufsjahren nach dem Examen) mehr drauf haben kann, als ein Pfleger mit 25 Jahren Berufsjahren.

Wie groß ist unser Anteil an der Einstellung der Gesellschaft, dass PFLEGE heute immer noch ein Liebesdienst sei?
Hier könnte die Berufsverbände mehr leisten, wenn sie selber kolportieren, das PFLEGE heute ein wissenschaftlich basierte Beruf ist.
So manche -MANAGER pfeift heute eher das betriebswirtschaftliche Lied, als die Tonlage einer Mitmenschlichkeit. Auch gegenüber den Mitarbeitern in der eigenen Berufsgruppe.

Sonnige Grüße aus Essen, Michael