Autor Thema: Tötungsanstalt Hadamar  (Gelesen 17874 mal)

Offline Thomas Beßen

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Tötungsanstalt Hadamar
« am: 26. Oktober 2008, 10:57:31 »
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Gedenkstätte in Hadamar schrieb die Frankfurter Rundschau gestern, am 25.10.08 folgenden Artikel:

Gedenken an "Euthanasie"-Opfer
VON REGINE SEIPEL

Die schlichte Tafel, die 1953 im Haupteingang der damaligen Landesheilanstalt Hadamar in die Wand eingelassen wurde, hatte bundesweit Bedeutung: Das Relief war das erste Mahnmal für NS-"Euthanasie"-Opfer in Deutschland. 1964 ließ der Landeswohlfahrtsverband als Träger des Psychiatrischen Krankenhauses Hadamar auch den Anstaltsfriedhof in eine Gedenklandschaft umwandeln.

Knapp zwanzig Jahre sollte es danach noch dauern, bis 1983 auf dem Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar, heute das Zentrum für Soziale Psychiatrie, eine Gedenkstätte eröffnet wurde. In den 25 Jahren ihres Bestehens hat sie Bedeutung weit über Deutschland hinaus erlangt - und zieht von Jahr zu Jahr mehr Besucher an. Rund 14.000 Geschichtsinteressierte, darunter viele junge Menschen, besuchen jährlich das Gelände. "Das Publikum wird internationaler", sagt Michael Thiele, Vorsitzender des Fördervereins, der in der Europäisierung der Gedenkstättenarbeit ein Ziel des Vereins erfüllt sieht.

Eigentlich hatte sich der Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar vor zehn Jahren gegründet, um Ehrenamtliche für Führungen zu gewinnen, das damalige Personal reichte kaum aus, um die ständig wachsende Nachfrage zu befriedigen. Zu den Orten, an denen gerade Schülern das Ausmaß des Schreckens nachfühlbar wird, gehören die als Duschraum getarnte Gaskammer, der Sektionstisch, auf dem Gehirne der ermordeten Opfer entnommen wurden, und die Standorte der Krematorien.

Eine ständige Ausstellung mit Opferbiographien, Darstellungen der Täter und der Vorgeschichte der "Euthanasie"-Verbrechen, der Zwangssterilisation, bieten Informationen zu den historischen Örtlichkeiten, zu denen neben dem Anstaltsfriedhof mit Massengräbern auch die ehemalige "T4"-Busgarage gehört. "T4", das war der Name einer von mehreren Mordaktionen, bei der die Nazis 1940 und 1941 mehr als 70.000 Menschen vergasten.

Die Bezeichnung geht auf die eigens aufgebauten Verwaltungszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 zurück, die die systematische Vernichtung organisierte. Graue Busse holten Patienten aus den Einrichtungen ab und brachten sie in sechs Tötungsanstalten in Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hartheim (heute Österreich), Pirna-Sonnenstein und Hadamar, wo knapp 15.000 Menschen umgebracht wurden. Dass die düstere Garage als einzige der Gebäude, die im Rahmen T4-Aktion genutzt wurden, in Hadamar erhalten wurde, sei mit auch ein Verdienst des Fördervereins, sagt Vorsitzender Thiele.

Nach Kriegsende wurde das Gebäude als Scheune genutzt und wäre fast verfallen, bis der Landeswohlfahrtsverband, der Träger der Gedenkstätte ist, das denkmalgeschützte Gebäude 2003 mit Zuschüssen verschiedener Organisationen retten konnte. Das große Interesse an der Gedenkstätte, sagt Thiele, verdeutliche auch deren Bedeutung als Ort der historisch-politischen Bildung. "Der Umgang mit dem Anders sein, mit Ausgrenzung bleibt ein ewig junges Thema", sagt er, "wir müssen das Bewusstsein wachhalten, wo es hinführen kann."

Sonntagliche Grüße!
Thomas Beßen

p.s.: s. auch http://www.gedenkstaette-hadamar.de/webcom/show_article.php/_c-533/_nr-1/i.html bzw. http://de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Hadamar

Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline Pamela K07

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #1 am: 26. Oktober 2008, 15:41:09 »
Hallo Hr.Beßen,

vielleicht wäre es doch mal ganz interessant einen Ausflug nach Hadamar zu machen.

Gruß, Pamela K07 
Arzt zum Patient: "Was macht eigentlich Ihr altes Leiden?" - "Keine Ahnung, Herr Doktor, wir sind seit einem halben Jahr geschieden."

Offline dino

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #2 am: 26. Oktober 2008, 22:32:51 »
Der Ausflug ist nicht nur interessant, sondern beklemmend und erschütternd. Solch eine Führung sollte zum Pflichtthema einer jeden allgemeinbildenden Schule sein.

Offline Thomas Beßen

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #3 am: 27. Oktober 2008, 07:29:58 »
Guten Morgen Pamela K07,
Sie haben recht und Dino auch und auch deswegen steht der Besuch der Gedenkstätte für die NS-"Euthanasie"-Opfer in Hadamar schon immer auf unserem Programm, für beide Schulen. Ich denke, Ihr Kurs wird spätestens im Frühjahr '10 dorthin fahren...
Hier noch ein Tipp zum Thema: http://www.gegen-vergessen.de/initiativen/detailansicht/article/gedenkstaette-hadamar.html.
Frühe Grüße!
Thomas Beßen
« Letzte Änderung: 02. April 2015, 14:47:18 von Thomas Beßen »
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Offline Pamela K07

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #4 am: 27. Oktober 2008, 21:16:59 »
Hallo,
also ich hab mir da mal ein paar Sachen durchgelesen,

die Opfer, Zwangssterilisationen, Patienten die vergast wurden.

Und ich mußte echt schlucken. Ich war sehr erschüttert über das was ich gelesen habe.

Gruß, Pamela K07
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Offline dino

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #5 am: 29. Oktober 2008, 14:54:52 »
Kleiner Literatur Tip, lest Euch doch mal das Buch über unser Krankenhaus durch. Dort ist auch das Kapitel 33-45 sehr gut beschrieben. Das auch die Geisteshaltung nach 45 bei Einigen noch die Alte war, läßt sich auch nachlesen.
Dino

Offline Britta07

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Exkursion zur NS-Gedenkstätte Hadamar
« Antwort #6 am: 14. Mai 2010, 20:27:27 »
Heute sind wir (der K07HT) nach Hadamar gefahren, um uns die ehemalige "Tötungsanstalt" des Nationalsozialismus anzuschauen und einen Eindruck von der Rolle der Pflege in dieser Zeit zu bekommen. Glücklicherweise hatten wir eine super "Führerin" (leider fällt mir gerade kein besserer Ausdruck ein), die uns das Thema interessant und recht beeindruckend nahe gebracht hat und auch einiges an Hintergrundwissen hat mit einfließen lassen. Dieser Geschichtsunterricht "zum Anfassen" hat den in der Schule gelernten Stoff jetzt auch realer und greifbarer gemacht. Allerdings frage ich mich jetzt (da ich die Gaskammer und das ganze Drumherum gesehen habe) umso mehr, wie das alles hat passieren können. Ich war zwar schon mal in Buchenwald, aber ich habe bis jetzt nie gewusst, dass auch hier in der Nähe Menschen vergast und verbrannt wurden.
Na ja, ich denke, wir haben heute viele Eindrücke sammeln können und ein paar Fotos haben wir auch gemacht  :-D

« Letzte Änderung: 14. Mai 2010, 20:44:14 von Britta07 »
Nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind.

Offline Britta07

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Re: Exkursion zur NS-Gedenkstätte Hadamar
« Antwort #7 am: 14. Mai 2010, 20:42:25 »
Und noch ein paar Bilder, die oben nicht mit reinpassten  :-D
Nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind.

Offline dino

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Re: Exkursion zur NS-Gedenkstätte Hadamar
« Antwort #8 am: 16. Mai 2010, 10:29:27 »
Geschickte manipulative Propaganda, willfähige, obrigkeitshörige Mitarbeiter und natürlich noch welche die dabei ihr Geschäft machten, siehe das eigens dafür gegründete Krankentransportunternehmen. Dazu kommt noch der damalige Zeitgeist und das Stigma einer psychischen Erkrankung. In der Gegend war es übrigens auch kein Geheimnis. Mein Onkel war Busfahrer bei der Post und war regelmäßig auf seinen Touren durch Hadamar gekommen. Er erzählte dies natürlich auch seiner Frau und ihrer Schweste das an bestimmten Tagen der Schornstein verstärkt rauchte, das oftmals viele Busse in die Anstalt fuhren und die Leute einen Verdacht hatten. Meine Oma und ihre Schwester verboten meinem Onkel sofort mit anderen Leuten darüber zu reden, sie hatten die begreifliche Angst das er selbst als nächster drankäme wenn rauskommen würde, dass dort Menschen umgebracht würden. Er hielt sich auch dran. Was hätte er machen können? Nix Justiz-NS; Polizei-dito; Presse-auch. Das Einzige was blieb, auf den Ausgang des Kriegs hoffen. Denn letztendlich brachte er uns die Befreiung. Denn allem naiven Gutmenschengeschätz zum Trotz, ein Terrorregime läßt sich weder durch Sitzblokaden, Wahlen oder Hungerstreik bezwingen. Wäre NaziD nicht vernichtet worden, würden heute noch Menschen aufgrund ihrer Erkrankung, wegen ihrer Religion oder einfach nur weil sie nicht ins Weltbild passten ermordet.

Offline Britta07

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Re: Exkursion zur NS-Gedenkstätte Hadamar
« Antwort #9 am: 16. Mai 2010, 13:29:05 »
Ich stimme dir in allem zu. Es ist für mich auch nachvollziehbar, dass die Menschen damals nichts gesagt haben aus Angst um ihr eigenes Leben. Und was in Hadamar ablief war auch allen bekannt. Wenn in 8 Monaten 10.000 Menschen vergast und verbrannt werden, dann macht das schon mächtig Rauch. Von dem Geruch ganz zu schweigen. Die Kinder in Hadamar nannten die Busse ja auch "Todesbusse" oder sowas in der Richtung. Meine Oma lebte damals schon in Bad Nauheim und selbst dort hat man davon gewußt. Sie hat sogar jemanden gekannt, der dort zwangssterilisiert wurde. Ihre Meinung darüber schreibe ich hier allerdings lieber nicht  :|.
Ich bin nicht eine derer, die immer wieder dieses Thema aufwärmen, da ich nicht dabei war und mich somit keine Schuld trifft (obwohl meine Familie zwei Generationen vor mir, sagen wir mal, z.T. recht involviert war). Und ich finde es auch nicht ok, dass Kinder heutzutage (je nachdem wer in der Schule unterrichtet) ein schlechtes Gewissen gemacht bekommen und teilweise das Gefühl bekommen, sich schuldig fühlen zu müssen. Aber ich bin der Meinung, dass man all diese schrecklichen Vorkommnisse nie vergessen darf und auch die Gedenkstätten sollen immer bleiben, damit man nie vergisst, wozu Menschen fähig sind. Und solange man daraus lernt, dass so etwas nie mehr passieren darf, dann ist Ziel doch erreicht. Zumindest hier in Deutschland. 
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Offline dino

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Re: Tötungsanstalt Hadamar
« Antwort #10 am: 27. Mai 2010, 15:47:08 »
Gesunde Einstellung. Aber warte mal ab, auf welche Ideen noch die Kostenträger kommen.