Autor Thema: Da könnte ich auch gleich Ghettoblaster im Seminar erlauben  (Gelesen 1335 mal)

Offline Thomas Beßen

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"Schluss mit Ping, Beep und Herzchen. Ein US-Professor hat Laptops und Smartphones im Seminarraum verboten. Er will die Studenten vor dem Multitasking retten.

Der amerikanische Professor Clay Shirky gehört zu den führenden Analytikern, wenn es um den Einfluss von neuen Technologien auf die Gesellschaft geht. In seinem Buch "Here comes everybody" beschreibt er zum Beispiel, wie das Internet die Gruppendynamik und Organisationen verändert hat. Und trotzdem hat er kürzlich auf "medium.com" erklärt, warum er Technik im Seminarraum verboten hat. Ein Auszug:

Eigentlich dürfte ich kaum als Verfechter der Internetzensur durchgehen. Ich unterrichte Theorie und Praxis der sozialen Medien an der New York University und fördere die Free-Culture-Bewegung im Netz. Trotzdem verbiete ich meinen Studenten seit diesem Semester, ihre Computer, Tablets und Smartphones während des Seminars zu benutzen. 

Ich bin spät und schweren Herzens zu dieser Entscheidung gekommen. Seit 1998 unterrichte ich Kurse über Internetthemen, bisher hatte ich eine laissez-faire-Einstellung zur Technik im Klassenraum. Das kam mir angesichts meiner Unterrichtsinhalte nur natürlich vor. Zudem war da der Konkurrenz-Aspekt: Es ist mein Job, interessanter zu sein als mögliche Ablenkungen. Ein Verbot erschien mir also wie Schummeln. Außerdem wollte ich meine Studenten nicht bevormunden. Sie sind erwachsen, Zeitmanagement ist ihr Job, nicht meiner.

Ohne Smartphones sind Studenten wie befreit

Aber dann wurde es immer schlimmer. Das Ausmaß der Ablenkung schien zuzunehmen, obwohl es der gleiche Professor war, die gleichen Themen und eine ähnliche Gruppe von Studenten. Über die Jahre machte ich folgende Beobachtung: Wenn ich einen guten Grund hatte zu sagen "Alle bitte mal die Geräte weglegen", dann fühlte sich das an, als hätte jemand frische Luft in den Raum gelassen. Die Gespräche wurden intensiver, die Studenten wirkten zuletzt sogar wie befreit.

Seit diesem Jahr empfehle ich meinen Studenten nicht mehr, die Laptops zuzuklappen und die Handys auszuschalten. Ich zwinge sie mit einer neuen Regel: Seid fokussiert! (Keine Geräte während des Kurses, außer die Aufgabe verlangt es.) Meine Begründung:

Wir wissen seit einiger Zeit, dass Multitasking schlecht für die Qualität geistiger Arbeit ist und besonders anstrengend angesichts der kognitiven Aufgaben, die wir Studenten stellen. Auch wenn es nicht sofort die Leistung schmälert, kann Multitasking negative Langzeitfolgen für das explizite Gedächnis haben. Dort rufen Menschen das ab, was sie früher gelernt haben.

Menschen fangen oft mehrere Dinge gleichzeitig an, weil sie denken, dass sie dann mehr schaffen. Das klappt nie, man wird sogar weniger effizient. Trotzdem spüren Multitasker eine emotionale Genugtuung. Multitasking verschiebt also die Freuden der Prokrastination in die Arbeitszeit. Dieser Nebeneffekt reicht, um Menschen ans Multitasking zu binden, obwohl sie genau das verschlimmern, was sie eigentlich verbessern wollen.

Multitasking trainiert nicht einmal das Geschick, zwischen Aufgaben zu wechseln. Eine Studie aus Stanford zeigt, dass starke Multitasker besonders schlecht darin sind, sich für eine Aufgabe zu entscheiden. "Sie fallen stets auf das Irrelevante herein", wie Cliff Nass, einer der Forscher, es ausdrückt. ..."


Quelle & mehr: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2014-10/multitasking-laptops-vorlesung-verbot

Frühe Grüße des Chronisten!
Thomas Beßen
« Letzte Änderung: 21. Oktober 2014, 09:30:04 von Thomas Beßen »
Wer heute krank ist, muss kerngesund sein.

Offline dino

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Re: Da könnte ich auch gleich Ghettoblaster im Seminar erlauben
« Antwort #1 am: 21. Oktober 2014, 16:47:18 »
Also gegen einen Ghettoblaster hätte ich was, dac höre ich doch mein Handy nicht mehr :evil: :evil:

Offline IKARUS

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Re: Da könnte ich auch gleich Ghettoblaster im Seminar erlauben
« Antwort #2 am: 23. Oktober 2014, 06:20:04 »
Ich habe ja einen kritischen Standpunkt zur Nutzung von neune Medien im Unterricht. Nun ist es so, dass das Maß der Nutzung im Unterricht das Problem darstellt. Es könnte sein, dass der Prof. davon ausgeht, dass seine Studenten mehr auf den PC sehen, als dass sie dem Unterrichtsgeschehen folgen.
Zu Beginn meiner Unterrichtstätigkeit hat mich dar stricken der Schülerinnen sehr irritiert. Ich ging davon aus, dass die Schülerinnen dem Unterrichtsverlauf nicht folgen. Sie konnten/können es doch!
Es ist mehr die Nutzung über ein vertretbares Maß hinaus. Stellt sich nun die Frage: was ist vertretbar. Das sehen Schüler und Lehrkräfte immer aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Beste Grüße, IKARUS