Autor Thema: Korrekte Anrede  (Gelesen 21529 mal)

Offline Matti

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Korrekte Anrede
« am: 08. Dezember 2006, 19:31:29 »
Ein allseits beliebtes Thema in unterschiedlichen Betrieben ist die Korrekte Anrede von Patienten (oder Heimbewohnern) gegenüber Pflegepersonal. Soll man sich mit Vornamen oder mit Nachnamen anreden lassen. Sicherlich ist der Nachname im normalen Berufsleben geläufig und zeigt auch den nötigen Respekt vor dieser Person, dennoch (so habe auch ich die Erfahrung gemacht) ist die emotionale Bindung besser(was schliesslich ziemlich wichtig in der Pflege ist), wenn man mit Vornamen angeredet wird. Die Patienten sind mitteilsamer und fühlen sich heimischer und sicherer.  Also mir persönlich gefällt es besser, wenn man mit Vornamen angerdet wird. Gibt es da andere Meinungen, oder wie ist die allgemeine Einstellung dazu?

Ragnhild

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #1 am: 08. Januar 2007, 09:13:09 »
In meinen Augen ist es "angenehmer" mit dem Vornamen angesprochen zu werden, weil es eine gewisse Intimität schafft. Und in einem Beruf wie dem unseren haben wir ständig mit Intimität zu tun. Wenn ich jemanden wasche, der dreimal so alt ist wie ich, dann komme ich ihm dazu ja zwangsläufig körperlich sehr nahe und nehme somit Eingriff in seinen Distanzbereich. Jeder von uns hat ja einen kulturell geprägten Distanzbereich, in dem er bei genug Raum um sich herum die körperliche Nähe einer fremden Person als "in Ordnung" oder als "zu nahe/aufdringlich/beklemmend" empfindet.

Mit fremden Menschen bewegt man sich meistens auf der gesellschaftlichen Distanz: diese beträgt zwischen 2 - 4m.

Die persönliche Distanz ist intimer, sie 'befindet' sich zwischen 2m - 60cm und erlaubt eine gewisse Art von Vertraulichkeit.

Darunter, also von 60 - 0cm bewegt sich die intime Distanz, die normalerweise nur uns selbst vorbehalten bleibt (oder engen Familienangehörigen und sehr guten Freunden).

Dringt jetzt ein Fremder in diese intime Distanz ein, fühlen wir uns unbehaglich. Ich denke, die Verwendung des Vornamens schafft eine gewisse Art von 'familiärer' Intimität die es beiden Seiten leichter macht, diese Distanzverletzung zu akzeptieren. Für uns Pflegende, die wir den Distanzbereich einer abhängigen Person verletzen und für die Patienten/Klienten/Pflegebedürftigen, die diese Verletzung hinnehmen müssen.

Ist aber nur meine Theorie, obs stimmt... keine Ahnung.

Ich persönlich stelle mich mittlerweile mit Vor- und Zunamen vor, nicht als "Schwester Ragnhild" sondern als "Ragnhild Nitz, für Sie zuständige Krankenschwester" vor. Bei Patienten die sehr distanzlos oder unterschwellig enthemmt sind, bestehe ich auf einer größeren Distanz (auch körperlich soweit möglich) und somit auch auf Verwendung meines Familiennamens. Bei allen anderen überlasse ich durch die Art und Weise wie ich mich vorstelle meinem Gegenüber die Entscheidung offen, wie er mich anspricht.
Am Telefon melde ich mich mit meinem Familiennamen, weil er so schön kurz ist.
« Letzte Änderung: 08. Januar 2007, 17:38:42 von Ragnhild »

Offline Alucard

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #2 am: 08. Januar 2007, 21:17:49 »
Dazu kann ich nur sagen sollte jeder für sich entscheiden wie er angesprochen werden will bzw. sollte einfach unter den mitarbeitern auf der jeweiligen Station geregelt werden den einheitlich kann man das nicht festlegen.

Z.B. auf einer Suchtstation wie wir sie hier haben passt es eher die Pat. mit du oder gleich mit Vornamen anzusprechen.

Liebe Grüße
Alucard
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Offline michi

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #3 am: 12. Januar 2007, 19:34:26 »
Also ich finde auch das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich hab es immer so gehandhabt das ich mich den Patienten mit meinem Vornamen vorgestellt habe und die Patienten sietze. Gibt sicher Stationen wo ein anderes Klientel ist und auch andere Anreden geläufig sind wie Alucard schon angemerckt hat.

Dazu eine lustige Geschichte aus dem Ambulanten Pflegedienst Einsatz. Ich bin mit eienr Kollegin zu einer für mich neuen Patientin gekommen. Hab mich vorgestellt wie immer und mir nichts dabei gedacht "Hallo ich bin der Michael, bin Krankepflegeschüler usw." und sie hallo ich bin die "Gertrud" :) Da hab ich erstmal gekuckt  :-o

Aber im Prinzip sollte das jeder so regeln wie ihm das am liebsten ist und so wie man für sich eine ausreichende Distanz schaffen kann.

Offline AdamK

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #4 am: 10. Januar 2008, 17:04:34 »
Hallo,

im Universitätsklinikum Mannheim werden Patienten wie üblich mit Sie+Nachname und das Personal immernoch mit Sie+Vorname d.h. "Herr Pfleger Adam" etc. angesprochen. Aber unsere Schule prädigt uns schon seit Jahren das das mal auf Sie+Nachname angepasst werden soll.

Im Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI/Mannheim) ist Sie+Nachname ein muss um die Distanz zu wahren.

Eine Freundin die Altenpflegerin in einem psychiatrischen Pflegeheim lernt erzählte mir mal von dem dort lockeren Umgangston, dort werden Patienten wie auch das Pflegepersonal geduzt.. Ich war echt geschockt denn ein freundschaftliches Verhältniss wie dort zu den Bewohnern ist zwar recht nett aber damit wird man alles andere als ernst genommen und das bringt viele Probleme mit sich... Sie selber wurde z.B. von einem Patienten mal sehr brutal zusammengeschlagen so das sie auf der Intensivstation landete... :(


« Letzte Änderung: 10. Januar 2008, 17:08:18 von AdamK »
Bye, Adam
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Offline Oberlord

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #5 am: 18. Februar 2008, 16:26:05 »
Also Adam natürlich hört sich "Sie Arschloch besser an als du Arschloch" so heißt zumindest das Srichwort, aber deiner Freundin die im Altenheim schafft hätte dieser Vorfall genauso gut passieren können wenn die dortigen Bewohner mit SIE angeredet werden!!
Es ist ja bekannt das "ältere Menschen" mit einer Diagnose wie z. B. Demenz, unter Desorientierung leiden ( zum Ort, zur Person, zur Situation und / oder auch zur Zeit ).
Infolge dessen es natürlich mal zur gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen kann,
ebenso ist bekannt das Menschen mit der Diagnose Altsheimer gelegentlich zur Gewalt neigen.
Zwar haste nicht gesagt, das dieser Person die diesen Angriff getätigt hat eine dieser Diagnosen zu geschrieben war, doch ganz auszuschließen ist das ja auch nicht........



Ps bei mir auf Arbeit werden die Patienten mit du angeredet, da es zum einen häufig jüngere Menschen sind, zum anderen Sie es möchten, desweieren zumeist eine langjährige Behandlungsbeziehung besteht.........

Offline AdamK

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #6 am: 27. Februar 2008, 19:09:53 »
hm.. ich weiss nicht.. eine freundschaftliche und langjährige beziehung geht doch auch mit einem SIE ?!?! das DU dagegen kann immer probleme bei eskalationen etc mit sich bringen...

der patient bei der freundin war im alk-entzug. aber ich denke auf einen arzt wäre er nicht so losgegangen... bzw zumindestens nicht so überraschend schnell.....

Bye, Adam
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Offline hexchen101

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #7 am: 27. Februar 2008, 20:37:05 »
hi adam, ich bin voll deiner meinung, ich denke auch, dass man eigentlich in der Pflege lieber bei einem Sie bleiben sollte. Man kann doch auch eine vertrauensvolle Beziehung schaffen, wenn man den Patienten mit SIE anspricht, oder? Wenn man du sagt, rutscht man doch automatisch in eine andere Beziehungsebene; die auch zu vertrauensvoll sein kann oder? Ich weiss nich, mir selbst fällt es vor allem bei jüngeren Patienten schwer bei dem Sie zu bleiben, da ist mir ein Du schon mal rausgerutscht, aber generell finde ich das Sie in der Pflege besser...

Offline AdamK

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #8 am: 29. Februar 2008, 18:11:39 »
ja, genau so sehe ich das auch.. und WIR lernen das ja alles, da hat sicher keiner ein prob trotzdem distanz zu bewahren. die patienten aber nicht... ich erlebte das z.b. im azubi-einsatz in einer psychiatrie auch das jüngere mich dann plötzlich duzten, später kammen dann auch noch doofe scherze ihrerseits im bezug auf mich.. da war null respekt vor einer pflegekraft mehr und ist der erst einmal weg so schafft man es kaum ihm wiederherzustellen...
mir selber rutschte es antürlich auch mal raus aber ich klärte das dann später auch immer gleich und da wars für beide seiten kein problem mehr beim SIE zu bleiben...

Bye, Adam
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Offline Britta07

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #9 am: 01. März 2008, 13:20:00 »
Ich bin auch eher dafür beim Sie zu bleiben. Das "Schwester und Vorname" lasse ich mir ja gerade noch gefallen, aber beim "Du" finde ich ist einfach Schluß. Ich gehe ja auch nicht auf die Bank oder kaufe ein und duze die Angestellten. OK, da hat man ein anderes Verhältnis als in der Pflege, aber ich finde es drückt auch einfach Respekt für den Beruf aus, wenn man "gesiezt" wird. Ich denke mir auch, dass man schon durch die etwas respektvollere Anrede (also das "Sie") das Image des Pflegeberufs in der Gesellschaft ein wenig anheben kann. Ich war jetzt eine Zeit lang in der Tagesklinik bei uns eingesetzt und ich muß sagen, es fiel mir schwer die Jugendlichen Patienten dort zu duzen, obwohl das dort so gehandhabt wurde. Die waren zum Teil 18,19 oder 20 und ich fand das duzen da nicht so ganz passend.   
Nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind.

Offline mage7

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #10 am: 08. März 2008, 01:50:16 »
Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen britta!

Offline Dottore

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #11 am: 13. März 2008, 14:49:43 »
Naja, im Prinzip haben die Preussen die Anredeformalitäten eh "verhunzt", als sie die dritte Person Plural als Anredeform setzten.
"Sie" ist dritte Person Plural, und somit eine "unpersönliche Anrede".
Bei mir persönlich habe ich beim "gesiezt" werden immer das Gefühl "von der Seite" angeredet zu werden.
Es gibt tatsächlich auch einige wenige Leute, die die dritte Person Singular ("Er/Sie") verwenden, wenn sie in zu jemandem sprechen, was
eben noch unpersönlicher wirkt.

Ursprünglich verwendete man als höfliche (von "Hof", also Etikette beim Adel) Anrede die zweite Person Plural, nämlich "Ihr", was eben einen direkten Bezug zu dem Empfänger zeigt und dennoch das Gegenüber durch die "Mehrzahl" - also den Plural - als was "erhobenes" darstellt. Der Adel war ja immer "mehr" wert als der Pöbel, und deshalb wollten erstere auch als "mehr" dargestellt und angeredet werden.

Clever waren die Briten, bei denen die zweite Person Singular und Plural ein und dasselbe sind, nämlich "you".

Was die korrekte Anrede betrifft, das "Sie" ist in unserer Gesellschaft wohl erst mal Standard, aber ich denke falls sich ein Patient mit dem
"Du" besser fühlen würde, könnte man diesem auch entgegenkommen, schliesslich sind wir ja um dessen Wohlbefinden bemüht.

@AdamK
Glaub mir, ob "Du" oder "Sie", wenn jemand aggressiv ist und schlagen will, dann schlägt er auch ungeachtet der Anrede zu.
Und da spreche ich aus (Berufs-)Erfahrung. Ein "Sie" schützt i.d.R. nicht vor Eskalationen.

« Letzte Änderung: 13. März 2008, 15:05:24 von Dottore »
"Wer die Wahrheit ausspricht sollte sein Pferd gesattelt lassen."
"Nicht nur Unwissenheit ist ein Segen. Blind- und Taubheit tun es auch."

Offline Britta07

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #12 am: 13. März 2008, 15:57:22 »
Mann, Steven, bleib doch mal ein bischen auf dem Boden und nicht immer so wissenschaftlich.
Ich finde aber, dass man mit dem "Sie" immer noch eine gewisse Distanz schaffen kann. Ist jemand aggressiv, dann schlägt er vielleicht zu und da ist die Anrede egal. Da hast Du recht. Aber ich finde im alltäglichen Gebrauch ist das "Sie" schon angebracht. Es gibt einige wenige Ausnahmen, aber die Distanz und den Respekt bekommt man, denke ich, auch zum Teil durch die Anrede.
Nur, weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, daß sie nicht hinter dir her sind.

Offline Pamela K07

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #13 am: 16. März 2008, 20:02:46 »
Also ich kann Britta auch nur zustimmen. Sie ist einfach besser. Wenn man eifach zum Du übergeht bringt das nur Probleme.

Gruß Pamela
Arzt zum Patient: "Was macht eigentlich Ihr altes Leiden?" - "Keine Ahnung, Herr Doktor, wir sind seit einem halben Jahr geschieden."

Offline Dottore

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Re: Korrekte Anrede
« Antwort #14 am: 17. März 2008, 09:09:43 »
Und mir ist es halt wurst, ob du oder sie. Das mag der Patient für sich entscheiden.
Dieser angebliche Grundrespekt durch das Siezen ist in meinen Augen recht fragwürdig,
und durchzogen von Doppelmoral. Die Leute gehen auch durch/mit Siezen nicht besser
miteinander um.

Respekt bekommt man anders. Taten geben uns Gewicht und nicht irgendwelche Titel und Anreden.

Sie ist nunmal die gesellschaftlich normierte Etikette. Nicht mehr und nicht weniger!
« Letzte Änderung: 17. März 2008, 09:13:03 von Dottore »
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